Der Spiegel hat hier eine „wohltuende Aufklärung“ (Gustav Horn) über mich publiziert. Ich möchte da natürlich nicht nachstehen und auch bei der Aufklärung helfen. Hier sind die Fragen, die der SPIEGEL mir mit einer Frist zur Beantwortung von weniger als 24 Stunden geschcikt hatte, von denen sie dann aber rein gar nichts verwendet haben (vermutlich waren es die falschen Antworten…). Also, diese Fragen hat mir Susanne Götze vom Spiegel am Montag geschickt:
„Sehr geehrter Herr Haucap,
für einen Beitrag zum Thema Expertenrat/Klimagesetz sowie dessen Besetzung und bezüglich des Handelsblatt-Beitrages vom 25.2. hätte ich kurze Nachfragen an Sie.
Sie schreiben, dass die Behauptungen im Aufsatz von Frau Kemfert „im Grunde völlig falsch“ seien. Das wird in dem Beitrag aber nicht weiter ausgeführt. Könnten Sie bitte ein paar Beispiele nennen, was für Sie besonders untragbar ist bzw. faktisch falsch und dies bitte belegen?
Könnten Sie uns einige Veröffentlichungen von Ihnen zum Thema Energiewende schicken?
Wie sollte Ihrer Meinung nach der Expertenrat besetzt werden?
Sie sind auch im Kuratorium des Prometheus Institutes aktiv. Inwiefern wird in diesem Zusammenhang die Energiewende diskutiert? Wussten Sie, dass dessen Leiter, Herr Schäffler, sich öffentlich als Klimaskeptiker bezeichnet hat?
Ich bitte Sie um eine schnelle Rückmeldung, spätestens aber bis Dienstagmorgen 10 Uhr.
Mit besten Grüßen, Susanne Götze“
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Meine Antworten:
„Sehr geehrte Frau Götze –
(1) Im Kuratorium von Prometheus haben wir meiner Erinnerung nach bisher nicht über die Energiewende diskutiert. Mir sind auch keine Publikationen von Prometheus zur Energiewende bekannt. Dass Herr Schäffler sich als Klimaskeptiker bezeichnet hat, wusste ich nicht. Ich teile eine solche Skepsis auch nicht, sondern folge dem Mainstream der Wissenschaft. Ich bin ja auch Ökonom und nicht Klimaforscher und glaube daher, was die übergroße Mehrheit der Klimaforscher herausgefunden hat. Ich fände es auch seltsam, wenn mir umgekehrt Klimaforscher jetzt erklären wollten, wie Arbeitslosigkeit oder Inflation entsteht.
(2) Ich sende Ihnen anbei einmal einige Publikationen zur Energiewende, die auf das Big Picture eingehen und an denen ich nicht unerheblichen Anteil hatte. [Konkret waren das folgende Publikationen:
(3) Mir liegt es fern, der Bundesregierung Ratschläge zur Besetzung des Expertenrats zu geben. In dem Kontext ist auch meine Kritik an dem Aufsatz von Frau Kemfert gar nicht entstanden. Diesen Kontext hat das Handelsblatt hergestellt. Sollte die Bundesregierung Beratungsbedarf haben, würde ich zum einen die Experten vom Potsdamer Institut (PIK) empfehlen, zum anderen gibt es bei den Akademien der Wissenschaft (also Leopoldina, acatech etc), gerade im vom BMBF geförderten ESYS Projekt, zahlreiche sehr bewanderte Expertinnen und Experten.
(4) Die Kritik an dem Beitrag in Capital von Frau Kemfert sende ich später in separater Mail.
Viele Grüße
Justus Haucap
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Sehr geehrte Frau Götze –
In meiner Kritik habe ich mich, auch gegenüber dem Handelsblatt, auf folgenden Text von Frau Kemfert bezogen:
Link zum Beitrag von Capital
Zu Beginn schreibt Frau Kemfert: Es „bleibt in der Regel diffus, von welchen Kosten genau die Rede ist. Wer nachfragt, wird meist auf die Förderung der erneuerbaren Energien verwiesen (Einspeisevergütung nach dem EEG-Gesetz). Seit Beginn beträgt die Fördersumme 167 Mrd. Euro, seit 2005 sind es 152 Mrd. Euro, nachzulesen beim Statistischen Bundesamt.“
Für die meisten Leser wird hier der Eindruck erweckt, der Förderung durch das EEG habe bisher 167 Mrd. Euro betragen, weil die Förderung der erneuerbaren Energien mit der Einspeisevergütung nach EEG gleichgesetzt wird. Möglicherweise erkennen Sie aus den Ausführungen von Frau Kemfert ja sofort, dass sie hier nur einen Teil der EGG-Förderung meint und es auch noch andere große Blöcke gibt, die weggelassen werden. Ich denke aber nicht, dass viele Leser das so bemerkt haben.
Seit 2012 besteht die Förderung der erneuerbaren Energien nämlich keineswegs nur aus den festen Einspeisevergütungen, sondern zunehmend aus Vergütungen nach dem sog. Marktprämienmodell. Claudia Kemfert berücksichtigt in ihrer Berechnung jedoch nur die Einspeisevergütungen. Im Jahr 2018 etwa waren dies 11,68 Mrd. Euro, die Vergütungen nach dem Marktprämienmodell in Höhe von rund 13,9 Mrd. Euro für 2018 werden überhaupt nicht erwähnt. Zusammen genommen wären es 2018 aber nicht 11,7 Mrd. Euro, sondern 25,6 Mrd. Euro, d.h. für 2018 werden über die Hälfte der Vergütungen einfach weggelassen. Dies wird nicht erwähnt und daher auch nicht begründet. Aus meiner Sicht darf man so nicht vorgehen. Vom Bundeswirtschaftsministerium wird in der Publikation EEG in Zahlen (konkret in Tabelle 2) richtig die gesamte EEG-Förderung ausgewiesen. Bei den Kosten der Energiewende kommt dann eigentlich auch noch „Kleinkram“ hinzu wie vermiedene Netzentgelte, Förderung für Flexibilität etc., die aber ebenfalls alle unberücksichtigt bleiben.
Zu berücksichtigen ist auch, dass faktisch regelmäßig eine Förderung von 20 Jahren für die erneuerbaren Energien zugesagt wird, d.h. auch viele Vergütungsansprüche, die heute noch nicht ausgezahlt wurden, müssen in Zukunft dennoch ausgezahlt werden. In Unternehmen bildet man für kosten, von denen man schon weiß, dass sie auf einen zukommen werden, Rückstellungen. Berücksichtigt man diese Kosten ebenfalls, so sind wir allein für die EEG-Vergütungen schnell bei über 400 Mrd. Euro nur für den Zeitraum von 2000 bis 2025. Ökonomisch ist dies zu berücksichtigen, weil man das nicht mehr rückgängig machen kann, da die Förderperioden bereits zugesagt wurden.
Falsch ist auch der Satz „Das sind aber keine Kosten, sondern Investitionen.“ Dies kann man als Ökonom aus meiner Sicht nicht so stehen lassen. Erst einmal verursacht jede Investition Kosten. Manche Investitionen rentieren sich dann, weil sie hinreichend hohe Erlöse generieren, andere hingegen rentieren sich nicht. Ob etwa die On-shore Windkraft, die seit über 25 Jahren offenbar nicht ohne Zuzahlungen hinreichende Erlöse generiert, eine so gute Investition in (allen Teilen von) Deutschland ist, dürfte mindestens diskussionswürdig sein und lässt sich nicht durch ein einfaches Beispiel eines Fahrradkaufs entkräften, wie Claudia Kemfert das aber in dem Beitrag macht..
Falsch ist auch die Aussage, „dass die Preise für dich und mich trotzdem gestiegen sind, liegt nicht an den Erneuerbaren Energien, sondern daran dass die Stromversorger die günstigen Börsenpreise nicht an uns Verbraucher weitergegeben haben.“ Es ist zwar richtig, dass es durch die erneubaren Energien einen kurzfristigen Merit-Order-Effekt (und somit Börsenpreissenkungen) gibt. In Teilen ist dieser Effekt aber auch durch den Atomausstieg konterkariert worden. In welchem Umfang der Börsenpreisrückgang nun auf den Merit-Order Effekt der Erneuerbaren Energien zurückzuführen ist, ist Gegenstand intensiver Untersuchungen und Diskussionen. Sicher dürften aber nicht 100% der Preissenkung an den Börsen auf den Ausbau der erneuerbaren Energien zurückzuführen sein. Vielmehr dürfte dies z. B. lange auch an den sehr niedrigen Preisen für CO2-Zertifikate gelegen haben. Deren Preisrückgang in der EU ist zwar teilweise auch auf das EEG zurückzuführen, aber nur teilweise. Einen erheblichen Einfluss hatte auch der Einbruch der Industrieproduktion in Europa in Folge der Wirtschaftskrise 2009. Völlig unterschlagen werden zudem gegenläufige Preis-Effekte, die den Strom für Privatkunden („dich und mich“) teurer machen, wie etwa steigende Netzentgelte (wegen des aufgrund der Energiewende notwendigen Netzausbaus und –umbaus sowie Kosten für Redisptach etc.) und zusätzliche staatliche Abgaben und Umlagen. Staatliche Abgaben und Umlagen machen inzwischen mehr als 50% des Preises für Privatkunden aus.
Auf die angeblich eingesparten Tonnen an CO2 will ich hier nicht eingehen, das ergibt sich aber auch aus den Publikationen von Acatech /ESYS, die ich Ihnen geschickt habe. Die Redundanz der nationalen EEG-Förderung aufgrund der fehlenden Rückkopplung mit dem europäischen CO2-Deckel im EU ETS ist hinreichend bekannt. Aber selbst wenn man das jetzt nicht sehen will, ist es ökonomisch falsch, als Ersparnis für die (angeblich) vermiedenen Tonnen an CO2-Ausstoß 180 Euro je Tonne CO2 anzusetzen. Warum? Der CO2-Preis im EU Emissionshandel ist selbst aktuell noch immer unter 30 Euro und war für die meiste Zeit der EEG-Förderung deutlich niedriger – das heißt, man hätte CO2 auch für sehr deutlich weniger Geld als 180 Euro pro Tonne vermeiden können. Ganz plastisch: Es mag ja sein, dass mir ein Schnitzel 50 Euro wert wäre. Wenn aber ein Schnitzel im Restaurant 20 Euro kostet, spare ich nicht 50 Euro, wenn ich mir selbst das Schnitzel brate, sondern maximal 20 Euro (eigentlich muss ich noch die Kosten für das rohe Schnitzel etc. abziehen). Das heißt: Es mag ja sein, dass durch jede Tonne CO2, die wir vermeiden, 180 Euro an Schäden vermieden werden. Wenn wir dasselbe Ergebnis aber für 30 Euro erreichen können, spart das EEG auch nur 30 Euro ein.
Diese Kritik hatte ich im Übrigen in wesentlichen Teilen auch dem Handelsblatt geschickt. Dass die das nur so verkürzt (also unter Verzicht auf alle Inhalte) transportiert haben, finde auch ich sehr bedauerlich, aber dies ist natürlich in letzter Konsequenz die Entscheidung des Handelsblattes. Ich bedaure das selbst auch sehr, weil man jetzt natürlich als ziemlicher Doofmann darsteht, der nörgelt, aber substanziell nichts zu bieten hat.
Reichen die Kritikpunkte oben oder soll ich noch weiter ausführen?
Viele Grüße
Justus Haucap
PS: Wie und woher Claudia Kemfert auf die von ihre gewählte Ausgangszahl von 300 Mrd. kommt, habe ich auch nach längerer Internetrecherche nicht herausfinden können. Ich selbst habe ein einer Studie für die INSM im Jahr 2016 einmal eine Zahl von 520 Mrd. Euro ermittelt. In unserer Studie ist haarklein nachzulesen, wie wir (damals) auf die Zahl von 520 Mrd. Euro gekommen sind. Daher ist auch der Vorwurf, es bleibe „diffus, von welchen Kosten genau die Rede ist“ , ziemlich aus der Luft gegriffen. Zumindest wir haben das alles dokumentiert. Sicher kann man über die Annahmen und Hypothesen streiten, nur kann man nicht allen Kritikern pauschal unterstellen, es bliebe bei ihnen „diffus, von welchen Kosten genau die Rede ist.“
