Archiv | April, 2013

Das Wort zum Spieltag: Fußball als Religionsersatz

28 Apr

Viele Menschen scheinen eine Art Nachfrage nach religiösen oder quasi-religiösen Erlebnissen zu haben. Manchen gefällt das Angebot traditioneller Religionen wie der katholischen oder evangelischen Kirche. Andere neigen zu esoterischen Angeboten oder spirituellen Selbsterfahrungen. Und wieder andere können ihre Religionsnachfrage am ehesten befriedigen, indem sie Popstars, Schauspieler, Autoren, große Künstler oder Fußballvereine anhimmeln – das Wort zeigt schon den quasi-religiösen Charakter dieser Leidenschaften. Bei mir selbst ist es Letzteres, der Fußball also, mit dem ich meine Nachfrage nach religiösen Erlebnissen befriedige. Und gerade bin ich auf dem Weg (also eine Art Wallfahrt) zum Heimspiel des FC St. Pauli.

Das Schöne ist ja, dass der Markt für religiöse und quasi-religiöse Angebote inzwischen ziemlich liberalisiert wurde. Die Monopolzeit der katholischen Kirche ist durch die Reformation und den damit verbundenen Markteintritt diverser protestantischer Angebote beendet worden, auch wenn es schwer war (wie es immer ist), das Monopol zu knacken. Heute gibt es ein sehr vielfältiges Angebot, das weit über das hinausgeht, was traditionell als Kirche oder Glaubensgemeinschaft bezeichnet wird. Der Markt hat sich erheblich ausgeweitet durch den inter-modalen Wettbewerb verschiedener Angebote und ist heute wohl intensiver denn je. Die fehlende Innovationskraft der traditionellen Anbieter hat dabei dazu geführt, dass sich neue Anbieter breit machen, eben von Yoga über die Öko-Bio-Bewegung (der Grünenparteitag hat – wie wohl Parteitage anderer Parteien auch  – etwas stark religionsähnliches) und fernöstliche Religionsangebote hin zum Fußball. Jeder einzelne wird tendenziell das Religionsähnliche seiner Leidenschaft verneinen (die Fußballfans vielleicht noch am wenigsten, aber in Kunstkreisen z. B. scheint mir das Quasi-Religiöse oft viel wenig reflektiert zu sein), aber die Ähnlichkeiten sind doch frappierend. Der Markt ist heute vielfältiger und daher auch zersplitterter – als liberaler Mensch finde ich das prinzipiell ziemlich gut.

Die Ähnlichkeiten der Huldigung von Fußball heute und Religion früher sind kein Zufall, die Ähnlichkeiten augenscheinlich. Das „Schalke unser“ macht es besonders deutlich, aber auch sonst zeigen sich viele Parallelen. Dazu gehört das strikte Einhalten von Riten, das gemeinsame Absingen von Chorälen, die spezielle Kleidung, das Tragen und Aufbewahren von Devotionalien – viele quasi-religiöse Erlebnisse eben. Beim Einzug der Priester/Spieler ist genau vorgegeben, was zu tun und zu lassen ist. Wie in der Kirche gibt es die besonders orthodoxen wie etwa Ultras, die weniger gläubige mit einer gewissen Verachtung strafen. Ebenso werden Anhänger anderer religiöser Gruppen/Fußballvereine – je nach Intensität der Leidenschaft – mehr oder weniger tolerant behandelt. Das Singen falscher Lieder ist eine Art Ketzerei. Dass ein „echter“ Schalke-Fan eine „echte“ BVB-Anhängerin heiratet dürfte für viele schwerer vorstellbar sein, als dass ein Protestant eine Katholikin heiratet (eigentlich kein Problem heute). Die Funktion, soziale Netze zu bilden und so Sozialkapital aufzubauen wie es ein Ökonom sehen würde, haben Fußball-Fangemeinschaften heute ebenso wie früher die Kirchen. Und die wirklich orthodoxen Fans fahren natürlich wallfahrtsähnlich zu vielen Auswärtsfahrten, heiraten ggf. sogar im Stadion, wie ein ehemaliger Mitarbeiter von mir das getan hat.

Auf St. Pauli (ironischer Weise direkt nach dem Heiligen Sankt Paulus benannt) werden wir gleich auf dem Heiligengeistfeld (nochmal Religion), auf dem übrigens 3x im Jahr auch der Hamburger Dom steht, unserer sonntäglichen Quasi-Religionsausübung nachgehen, unsere Choräle singen. Ich freue mich darauf, weiß aber auch, dass es so etwas wie mein Religionsersatz ist. Die Lieder sind zwar nicht mehr ganz so ironisch und witzig wie zu den Zeiten als Volker Ippig noch, zurückgehrt aus Nicaragua, in der Hafenstraße wohnte („Volker hört die Signale“, „Eine Abwehr aus Beton, so wie einst der Vietkong, und so zogen wir in die Bundesliga ein, und wir werden niemals deutscher Meister sein – St. Pauli, St. Pauli..“ oder – nach der Räumung der Hafenstraße – „wer hat uns verraten – Sozialdemokraten, wer verrät uns nie – St. Pauli“) – aber es macht immer noch einen Riesenspaß. Also auf jetzt zum Heiligengeistfeld…

Marktversagen beim Breitbandausbau?

27 Apr

Besteht Marktversagen, wenn der Markt nicht produziert, was keiner haben will? So könnte man etwas provokant zusammenfassen, worin es in der Diskussion um den hochleistungsfähigen Breitbandausbau im Kern eigentlich geht. Ist möglichst viel möglichst schnell wirklich optimal? Ist es tragisch, wenn es mit dem Ausbau von hochleistungsfähigen Breitbandnetzen nicht so rasend schnell vorangeht? Diese Fragen scheinen mir (öffentlich) zu wenig gestellt zu werden, sind aber für einen Ökonomen eigentlich ganz naheliegend.

Der politische Konsens scheint hingegen zu sein, dass wir möglichst viel möglichst schnell brauchen. Kaum einer scheint sagen zu wollen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn es etwas langsamer voran geht – aber warum eigentlich?

Nachdem die TK-Politik durch die TKG-Novelle im letzten Jahr, durch die Leitlinien der Europäischen Kommission zu staatlichen Beihilfen im Breitbandbereich, durch den Breitbandatlas des Bundeswirtschaftsministeriums und durch viele andere einzelne Maßnahmen die Angebotsbedingungen für den Breitbandausbau deutlich verbessert hat, zeigt sich nun immer deutlicher, dass der Take-up – also die Nachfrage – deutlich hinterherhinkt (siehe z. B. Folie 24 dieses Vortrags von Iris Henseler-Unger beim BREKO), selbst dort, wo hochleistungsfähige Breitbandangebote vorhanden sind.  Der fehlende Take-up zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, die den Breitbandausbau forcieren, wie z.B. Neuseeland, wo ich im Januar und Februar zwei Monate an der Victoria University of Wellington war.

Friedhelm Dommermuth von der Bundesnetzagentur berichtete am Donnerstag auf dem 9. Düsseldorfer Informationsrechtstag von Erhebungen, wonach die zusätzliche Zahlungsbereitschaft für einen echten Breitbandanschluss bei etwa 5 Euro im Monat (im Durchschnitt) läge. Davon lässt sich ein Breitbandausbau schwer finanzieren. „Die Kosten für eine Vollerschließung der Bundesrepublik mit Glasfaseranschlüssen belaufen sich nach den Schätzungen des wik auf 70-80 Mrd. Euro. Die Kosten für den einzelnen Anschluss liegen zwischen 1.000 und 4.000 Euro,“ so Dr. Henseler-Unger in dem zitierten Vortrag (Folie 17).

Die Zahlungsbreitschaft ist zumindest momentan noch so gering, weil ja auch die Notwendigkeit für mehr Bandbreite bei vielen gar nicht da ist. Viele Menschen kommen auch ohne Internet-TV, Videos und Spiele per Internet ganz gut klar, und auch bei Cloud Computing gibt es für viele Nutzer noch viele offene Fragen. Noch fehlen die Anwendungen, die nicht nur die hohe Bandbreite erfordern, sondern auch tatsächlich nachgefragt werden. Denn auch die Wachstumsimpulse, die man sich von hochleistungsfähigem Breitband für die gesamte Volkswirtschafts erhofft, werden wohl weniger von Computerspielen und Entertainment-Produkten ausgehen als von Entwicklungen wie Cloud Computing un M2M-Kommunikation. Dafür benötigen wir aber nicht sofort ein flächendeckendes Angebot. Ist es also tragisch, wenn der Ausbau weniger schnell voranschreitet? Wohl eher nicht.

Wenn man ein Problem mit Geld nicht lösen kann, muss man es eben mit viel Geld lösen, lässt  Emir Kusturica einen seiner Protagonisten in „Schwarze Katze, weiße Kater“ (sinngemäß) sagen. Müssen wir aber mit viel Geld heute schon hochleistungsfähiges Breitband ausbauen, um ein Problem zu lösen, das heute fast keiner hat? Wenn der Markt aktuell noch nicht produziert, was auch noch fast keiner nachfragt, dann ist das nicht tragisch. Die Kosten für den Breitbandausbau werden weiter fallen, auch weil nun durch die Bundesnetzagentur Voraussetzungen für den Einsatz neuer Technologien wie Vectoring (die öffentliche Anhörung dazu war gerade am Mittwoch) geschaffen werden (dazu vieleicht demnächst mal mehr). Zugleich wird die Zahlungsbereitschaft steigen, wenn Anwendungen kommen, die wirklich vielen Leuten einen echten Zusatznutzen stiften. Im Cloud Computing sehe ich da echtes Potenziel. Ein nicht ganz so schneller Ausbau der Netze, der mit den Entwicklung der Applikationen Schritt hält, kann aber bis dahin durchaus sinnvoll sein, auch weil der Ausbau tendenziell günstiger werden wird.

Noch ein letzter Gedanke zum Schluss: Der Tod der Kupferdoppelader wird schon so lange progonostiziert wie ich mit Fragen der TK-Wirtschaftbeschäfige. Dann kam ISDN, dann DSL, nun Vectoring. Und auch die nächste innovation wird kommen, die das Kupfernetz doch noch einmal schneller macht. Warum? Weltweit haben unzählig TK-Unternehmen in der Vergangenheit Kupferleitungen vergraben – das sind jetzt echte Bodenschätze, die – ökonomisch gesprochen – immer weider gehoben werden können, wenn jemandem etwas einfällt, wie man das Netz doch nocht nutzen kann. Die Anreize etwas zu erfinden, was die Lebensdauer des Kupfernetzes verlängert, indem seine Leistungsfähgkeit erhöht wird, sind weltweit betrachtet einfach gigantisch. Und wo viel Geld verdient werden kann, wo ein großer Gewinn winkt, da fangen auch kreative Köpfe an nachzudenken, wie man daran kommen kann. Daher wird die nächste Innovation für das Kupfernetz mit Sicherheit kommen, sage ich als Ökonom (und nicht als Techniker).

Hurra, Hurra, der Edgeworth Blog(s) ist da….

26 Apr

Ich starte jetzt meinen eigenen Blog, habe ich mir überlegt. Der Wirtschaftsphilosoph hat sich ja leider aus der Blogger-Szene verabschiedet und seinen Blog eingestellt, sehr zu meinem Bedauern. Da fehlt also etwas.

Und unser Düsseldorfer M-Blog, den Ralf Dewenter aus Ilmenau mitgebracht hatte, wird im Sommer wohl mit ihm an die HSU Hamburg ziehen.

Zeit also, einen eigenen Blog zu starten. Ich habe bisher ja schon ab und zu in verschiedenen Blogs geschrieben, neben dem erwähnten M-Blog bei Carta (da ging es los,  dank Robin Meyer-Lucht), im ÖkonomenBlog der INSM, im Markt-Ruf der Stiftung Marktwirtschaft und gelegentlich auch noch an anderen Stellen. Das soll auch so bleiben, aber Gedanken über die Ökonomie an Hochschulen (wie bis vor Kurzem beim Wirtschaftsphilosophen), Berlin und St. Pauli, Essen und Trinken, etc. passen da ja nicht so richtig rein. Das kann ich jetzt hier machen. Es soll also eine Mischungs aus allem Möglichen sein, von dem ich glaube, dass es interessant sein kann. Wettbewerb, Kartellrecht und die ökonomischen Themen in den Netzwirtschaften werden natürlich ganz oben stehen.

Meine Idee ist es, auch Gastautoren einzuladen, aus dem Umfeld des DICE und meinem sonstigen Umfeld. Über meinen Twitter-Account werde ich regelmäßig auf aktuelle Beiträge hinweisen. Ich hoffe, einen nicht ganz so kurzen Atem zu haben – mal sehen, wie das so ist.

Cheers, Justus Haucap