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Sollte Google nach dem Vorbild des öffentlich-rechtlichen Rundfunks umgestaltet werden?

19 Aug

Was mir wie eine Satire vorkommt , scheint ernster zu sein, als ich selbst glauben würde. Aber der Reihe nach:

Zwei Meldungen über Google fand ich in der letzten Woche sehr interessant. Das war zum einen die Pressemeldung über die interdisziplinäre Studie meiner Mainzer Kollegin Birgit Stark (Publizistik) und der Kollegen Dieter Dörr (Jura) und Stefan Aufenanger (Pädagogik) über die Googleisierung der Welt. Die Studie habe ich leider bisher nicht finden können, nur die Pressemeldung über die Studie und eine Kurzzusammenfassung für irgendein Management, leider. Die Befunde haben mich nur mäßig überrascht. Dass etwa viele „die Google-Internetsuche weitgehend unkritisch [nutzen] und (…) nur wenig darüber [wissen], wie Trefferlisten zustande kommen“, hätte ich auch erwartet. Das gilt vermutlich auch für Nachrichten und Presseerzeugnisse und Medienprodukte allgemein . Die meisten Leserinnen und Leser werden nicht genau wissen, wie Beiträge und Meldungen in der Zeitung ausgesucht werden, warum was bei der Tagesschau in welcher Reihe vorgelesen werden, und warum anderes, z. B. bei der taz nicht vermeldet wird (wenn nicht gerade Stefan Niggemeier darüber berichtet ;-). Überrascht haben mich aber die Forderungen, die Stark, Dürr und Auenanger aus der Studie ableiten. Diese Empfehlungen erscheinen einerseits hochgradig interventionistisch, andererseits aber auch etwas naiv. Dazu nur ein Beispiel:

Eine Forderung ist, dass „Suchmaschinenbetreiber keinen Einfluss auf das Ranking von Suchergebnissen nehmen“ dürfen. Wenn das wörtlich gemeint sein sollte, ist es natürlich kompletter Unsinn, da ja gerade der Sinn von Suchmaschinen darin besteht, Trefferlisten zu ordnen, in der Regel durch ausgeklügelte Suchalgorithmen. Jeder Suchmaschinenbetreiber muss also Einfluss auf das Ranking von Suchergebnissen nehmen – eine rein zufällige Anordnung der Treffer wäre für die meisten Nutzer ebenso wertlos als wenn in der Tagesschau eine rein zufällige Auswahl von Pressemeldungen verlesen würde. Gemeint ist vermutlich die Debatte um den sog. „Search Bias“, also die bewusste Verzerrung von Ergebnislisten mit dem Ziel, eigene Produkte (wie Google Maps, Youtube etc.) zu bervorzugen und andere zu benachteiligen. Dies ist ja auch der Kern der Wettbewerbsverfahren gegen Google und – wie sich zeigt – erstens nicht gerade trivial festzustellen, weil es in der Natur des Wettbewerbs zwischen Suchmaschinen liegt, den Algorithmus permanent zu verberssern und somit auch zu verändern. Und zweitens ist eine staatliche Genehmigung oder Kontrolle aller Änderungen des Suchalgorithmus (am besten gleich in China) eine ziemliche Horrorvorstellung – ich arbeite an einer staatlichen Universität und weiß nur zu gut wie Behörden funktionieren….dezidierte (unzensierte 😉 Ausführungen meinerseits finden sich dazu übrigens in diesem (mit C. Kehder verfassten) Arbeitspapier. Eine permanente behördliche Kontrolle (in jedem Land? Bundesland?) halte ich hier für absolut abwegig ,weil faktisch unmöglich. Zugleich wäre es faktisch Zensur.

Einige, wie ich finde sehr lesenswerte, Gedanken hat sich auch Claus Hesseling in seinem Blog-Beitrag gemacht: Uni-Profs fordern eine Bundesanstalt für Suchmaschinen-Ranking-Kontrolle (BfSRK) – ich übrigens nicht 😉 Ein sehr gelungener Kommentar aus meiner Sicht!

Die zweite interessante Meldung zu Google ist schon mehr als eine Woche alt, aber ich habe sie gerade erst entdeckt. Die tolle interaktive Grafik vom Economist über die rasanten Marktanteilsgewinne von Google Chrome weltweit. 2008 war von Google Chrome noch nichts zu sehen, mittlerweile ist der weltweite Marktanteil deutlich über 40 Prozent und insbesondere der Microsoft Explorer im freien Fall (und Netscape nicht mehr sichtbar). Deutschland, Polen, Indonesien, Myanmar und die Mongolei (eine interessante Gruppierung) sind wohl die einzigen  echten Bastionen von Mozilla Firefox – dort jeweils seit 2008 Marktführer. Daher habe ich den Siegeszug von Google Chrome hier in Deutschland wohl auch gar nicht so bemerkt, in jedem Fall auch wettbewerbsökonomisch eine spannende Entwicklung.

Nachtrag (21.08.2013): Mein mit Ulrich Heimeshoff verfasster Beitrag „Google, Facebook, Amazon, eBay: Is the Internet driving competition or market monopolization?“ is nun in International Economics and Economic Policy erschienen (nicht mehr ganz aktuelle Preprint-Version hier).

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Das Leistungsschutzrecht #LSR ist komplett gescheitert, aber leider nicht wirkungslos

5 Aug

Ich habe mich ja schon früh und auch lang und breit mit dem Leistungssschutzrecht befasst und versucht umfassend darzulegen, warum das Ganze ein ziemlicher Unsinn ist.  Am umfangreichsten ist dazu das zusammen mit Ralf Dewenter verfasste Gutachten für den BDI (Download hier). Ein früher Kommentar meineseits vom Februar 2011 im Tagesspiegel findet sich hier, da man ja ab und zu auch gefragt wird, warum man nicht schon früher den Mund aufgemacht habe.

Seit dem 1.8.2013 ist es nun Realität, wenn auch in wesentlich anderer Form als einmal geplant. Nachdem ich Ende vom Februar noch den Ehrentitel „Professor auf Abwegen“ in der Klatschspalte des Handelsblatts bekommen habe (dazu Stefan Niggemeier hier), hat Horizont.net mich in der letzten Woche eingeladen, noch einmal „nachzutreten“ – das Interview, das David Hein mit mir geführt hat, ist hier zu finden.

Ich bin gespannt, wann nun die Verleger mit der Forderung nach einer zwangsweisen Verwertungsgesellschaft (also einem Zwangskartell) um die Ecke kommen werden – bald gibt es ja wieder Koalitionsverträge 😉

 

Wissenschaftlich bewiesen: Angela Merkel ist nicht schuld an Cascadas Misserfolg

20 Mai

Was gibt es für einen Wettbewerbsökonomen Schöneres als einem echten Wettbewerb live zuzusehen, dachte ich mir und habe mir den Eurovision Song Contest (#ESC2013) am Sonnabend angesehen (wie auch in den Jahren zuvor). Mein muskialischer Favorit war ja der norwegische Beitrag von Margaret Berger, aber ihre Botschaft „I feed you my love“ hat mir insgesamt weniger gut gefallen als die griechischen Pogues aka Koza Mostra & Agathonas Iakovidis mit „Alcohol is Free“.

Das Interessante am ESC 2013 war aber weniger der Ausgang des Wettbewerbs als der anschließende Interpretationsversuch von ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber für das schlechte Abschneiden der deutschen Kandidatin Natalie Horler aka Cascada. „Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne“, so Schreiber wörtlich (siehe z. B. auch stern.de, Spiegel Online oder der britische Telegraph, der Peter Uban mit einer ähnlichen Vermutung zitiert). Dass Angela Merkel und such Deutschland als solches sich in Europa nicht nur Freunde schaffen durch die Austeritäts-Politik und den Euro-Rettungskurs, ist wohl richtig. Dass sich dies aber in der Punktevergabe der 38 anderen Teilnehmerländer widerspiegelt und Natalie Horler stellvertretend für Angela Merkel abgestraft wurde, erscheint vielen Leuten doch zunächst recht bizarr (so z.B. auch dezidiert Spiegel Online).

In der Tat scheint das ein einfacher Blick auf die Länder zu zeigen, aus denen Natalie Horler Punkte bekommen hat (nette Grafik dazu hier). Neun Punkte kamen aus Euro-Ländern (sechs aus Österreich und drei aus Spanien – ok, vermutlich Mallorca) und neun aus Nicht-Euro-Ländern (fünf aus Israel, drei aus Albanien und einer aus der Schweiz). Überhaupt nahmen neben Deutschland nur 14 weitere Euro-Länder (inkl. San Marino) teil – Luxemburg, Portugal und die Slowakei waren nicht dabei, die große Mehrheit, nämlich 24 Teilnehmer, kam nicht aus Euro-Ländern. Dass die deutsche Austeriätspolitik in Weißrussland, Aserbaidschan oder auch Dänemark und Großbritannien die Stimmabgabe merklich beeinflusst haben soll, ist wohl eher (a) ein nett gemeinter, aber doch misslungener Trostversuch für Natalie Horler und vor allem (b) ein Ablenkungsmanöver von der eigenen Unfähigkeit in der ARD, ohne Stefan Raab vernünftige Titel auszuwählen.

Auch wenn die These der ARD, dass allen voran Angela Merkel schuld am schlechten Abschneiden von Cascada sei, recht dünn ist, so zeigt sich aber auch, dass gleichwohl nicht nur die Qualität von Musik und Auftritt entscheidend sind für das Abschneiden beim ESC. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern hat die Punktvergabe beim ESC inzwischen analysiert:

  • Schon 2005 hat Victor Ginsburgh (hier sein  Bing Bang Blog, auf Französisch) im Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 1-17) einen Aufsatz über „Languages, Genes, and Cultures“ publiziert und gezeigt, dass die Punktevergabe beim ESC von kultureller und linguistischer Nähe abhängt (und nicht so gut durch einen „Stimmentausch“ erklärt werden kann).
  • In derselben Ausgabe des Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 59-78) haben Marco Haan, Gerhard Dijkstra und Peter Dijkstra einen Aufsatz („Expert Judgment Versus Public Opinion – Evidence from the Eurovision Song Contest“), in dem sie zeigen, dass Expertenjurys in ihrem Urteil weniger durch diese anderen Faktoren beeinflusst werden als das Televoting durch die Zuschauer. Gleichwohl sind Jurys auch nicht völlig unbeeinflusst durch diese Faktoren.
  • Nicht  nur Ökonomen, auch Physiker befassen sich mit diesen enorm wichtigen Dingen: So hat ein in Oxford ansässiges Physikerteam aus Neil Johnson und Ko-Autoren 2006 in Physica A (Vol. 360, 2006, S. 576-598) eine Studie mit dem Titel „How does Europe Make Its Mind Up? Connections, Cliques, and Compatibility between Countries in the Eurovision Song Contest“  publiziert. Eines der Kernergebnisse ist „that the UK is remarkably compatible, or ‚in tune‘, with other European countries during the period of study [Anmerkung: 1992-2003]. Equally surprising is our finding that some other core countries, most notably France, are significantly ‚out of tune‘ with the rest of Europe during the same period.“
  • Ein zweites Forscherteam aus Oxford um S. Saavedra hat im Folgejahr gleich nachgelegt und wiederum in Physica A (Vol. 377, 2007, S. 672-688) eine weitere Studie dazu publiziert. Inhalt ist eine Analyse über (a) „structure and behaviour of a specific voting network using a dynamic structure-based methodology which draws on Q-Analysis and social network theory“, (b) „structures that may identify the winner based purely on the topology of the network“ und (c) „the dynamic behaviour exhibited by the network in order to understand the clustering of voting preferences and the relationship between local and global properties.“
  • Victor Ginsburgh hat sich (gemeinsam mit Abdul Noury) 2008 im European Journal of Political Economy (Vol. 24, 2008, S. 41-52) sich fast genau der ARD-Hypothese von Thomas Schreiber angenommen und untersucht, ob politische oder kulturelle Faktoren das Wahlverhalten beim ESC besser erklären können. Das Ergebnis der Studie mit dem Namen „The Eurovision Song Contest. Is Voting Political or Cultural?“ ist, dass die Stimmvergabe rein empirisch betrachtet besser durch Qualität des Titels, linguistische und kulturelle Nähe erklärt und prognostiziert werden kann als durch politische Konflikte und Freundschaften. Eine vorläufige (leider nicht die endgültig publizierte) Open Access-Version des Aufsatzes ist bei SSRN hier.
  • Zu etwas anderen Ergebnissen kommen allerdings L. Spierdijk und M. Vellekoop in ihrer 2009 in Empirical Economics publizierten Studie „The Structure of Bias in Peer Voting Systems: Lessons from the Eurovision Song Contest“, in der sie untersuchen, ob die Stimmenverteilung regional in verschiedene Länderclustern ähnlichen Mustern folgt. Ergebnis: „We establish strong evidence for voting bias in the song contest on the basis of geography, even after correction for culture, language, religion and ethnicity. However, these effects do generally not correspond to the usual accusations.“
  • Jetzt sind auch die Geographen interessiert: J.-F. Gleyze vom französischen „Institut Géographique National, Laboratoire COGIT“ hat dazu kürzlich in CyberGeo (Vol. 2011, 10. Januar 2011, S. 1-30)  eine Studie mit dem Titel „L’impact du voisinage géographique des pays dans l’attribution des votes au Concours Eurovision de la Chanson“ publiziert, die auch diverse Ländercluster bildet.
  • Interessant ist auch die von D.B. Verrier im letzten Jahr in Judgment and Decision Making (Vol. 7, 2012, S. 639-643) publizierte Studie über „Evidence for the Influence of the Mere-Exposure Effect on Voting in the Eurovision Song Contest“, die zeigt, dass selbst geringfügige Wiedererkennungseffekte eine Rolle spielen. Je mehr Zuschauer in einem Land ein Lied bereits im ESC-Halbfinale gesehen haben, desto besser schneidet es im Durchschnitt ab, selbst wenn man für alle anderen Einflussfaktoren kontrolliert.
  • Jetzt aber kommts: Eine brandneue und bisher noch nicht publizierte Studie von David García und Dorian Tanase (beide von der ETH Zürich) mit dem Titel „Measuring Cultural Dynamics Through the Eurovision Song Contest“ suggeriert, dass die Eurokrise das Abstimmverhalten doch verändert haben könnte und zu einer Spaltung Europas beitragen kann. In Nature wird das unter Anderem so zusammengefasst: „García and Tanase found that, among the 15 countries that have been members of the European Union since 1995, both the positive and negative biases were larger in 2010 and 2011 than before: In other words, opinions became more polarized. This period, the researchers point out, corresponds to a time of European economic turbulence due to debt, loans and austerity measures, especially in Greece, Spain, Portugal, Ireland and Italy. What’s more, those unfortunate countries seemed to cluster together in the network as if huddling for consolation — with the exception of Ireland, which joined a second cluster of less-affected countries. The researchers suggest that Eurovision voting might be reflecting feelings of tension and a breakdown of cohesion in the European Union.“

So ganz falsch ist die ARD bzw. Thomas Scheiber also vielleicht doch nicht mit ihrer Hypothese. Allerdings dürften die Effekte nur marginal sein und sie beziehen sich nur auf die EU-15-Staaten, die García und Tanase analysiert haben, nicht aber auf die Nicht-EU-Länder. Vielleicht sind also Cascada in der Tat ein paar Pünktchen verloren gegangen, aber selbst bei doppelter Punktzahl hätte es nur für Platz 19 gereicht. Die naheliegendste Erklärung ist manchmal auch die richtige: Der Titel war einfach zu langweilig, zu wenig witzig, zu wenig innovativ und zu harmlos.