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Marktversagen beim Breitbandausbau?

27 Apr

Besteht Marktversagen, wenn der Markt nicht produziert, was keiner haben will? So könnte man etwas provokant zusammenfassen, worin es in der Diskussion um den hochleistungsfähigen Breitbandausbau im Kern eigentlich geht. Ist möglichst viel möglichst schnell wirklich optimal? Ist es tragisch, wenn es mit dem Ausbau von hochleistungsfähigen Breitbandnetzen nicht so rasend schnell vorangeht? Diese Fragen scheinen mir (öffentlich) zu wenig gestellt zu werden, sind aber für einen Ökonomen eigentlich ganz naheliegend.

Der politische Konsens scheint hingegen zu sein, dass wir möglichst viel möglichst schnell brauchen. Kaum einer scheint sagen zu wollen, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn es etwas langsamer voran geht – aber warum eigentlich?

Nachdem die TK-Politik durch die TKG-Novelle im letzten Jahr, durch die Leitlinien der Europäischen Kommission zu staatlichen Beihilfen im Breitbandbereich, durch den Breitbandatlas des Bundeswirtschaftsministeriums und durch viele andere einzelne Maßnahmen die Angebotsbedingungen für den Breitbandausbau deutlich verbessert hat, zeigt sich nun immer deutlicher, dass der Take-up – also die Nachfrage – deutlich hinterherhinkt (siehe z. B. Folie 24 dieses Vortrags von Iris Henseler-Unger beim BREKO), selbst dort, wo hochleistungsfähige Breitbandangebote vorhanden sind.  Der fehlende Take-up zeigt sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, die den Breitbandausbau forcieren, wie z.B. Neuseeland, wo ich im Januar und Februar zwei Monate an der Victoria University of Wellington war.

Friedhelm Dommermuth von der Bundesnetzagentur berichtete am Donnerstag auf dem 9. Düsseldorfer Informationsrechtstag von Erhebungen, wonach die zusätzliche Zahlungsbereitschaft für einen echten Breitbandanschluss bei etwa 5 Euro im Monat (im Durchschnitt) läge. Davon lässt sich ein Breitbandausbau schwer finanzieren. „Die Kosten für eine Vollerschließung der Bundesrepublik mit Glasfaseranschlüssen belaufen sich nach den Schätzungen des wik auf 70-80 Mrd. Euro. Die Kosten für den einzelnen Anschluss liegen zwischen 1.000 und 4.000 Euro,“ so Dr. Henseler-Unger in dem zitierten Vortrag (Folie 17).

Die Zahlungsbreitschaft ist zumindest momentan noch so gering, weil ja auch die Notwendigkeit für mehr Bandbreite bei vielen gar nicht da ist. Viele Menschen kommen auch ohne Internet-TV, Videos und Spiele per Internet ganz gut klar, und auch bei Cloud Computing gibt es für viele Nutzer noch viele offene Fragen. Noch fehlen die Anwendungen, die nicht nur die hohe Bandbreite erfordern, sondern auch tatsächlich nachgefragt werden. Denn auch die Wachstumsimpulse, die man sich von hochleistungsfähigem Breitband für die gesamte Volkswirtschafts erhofft, werden wohl weniger von Computerspielen und Entertainment-Produkten ausgehen als von Entwicklungen wie Cloud Computing un M2M-Kommunikation. Dafür benötigen wir aber nicht sofort ein flächendeckendes Angebot. Ist es also tragisch, wenn der Ausbau weniger schnell voranschreitet? Wohl eher nicht.

Wenn man ein Problem mit Geld nicht lösen kann, muss man es eben mit viel Geld lösen, lässt  Emir Kusturica einen seiner Protagonisten in „Schwarze Katze, weiße Kater“ (sinngemäß) sagen. Müssen wir aber mit viel Geld heute schon hochleistungsfähiges Breitband ausbauen, um ein Problem zu lösen, das heute fast keiner hat? Wenn der Markt aktuell noch nicht produziert, was auch noch fast keiner nachfragt, dann ist das nicht tragisch. Die Kosten für den Breitbandausbau werden weiter fallen, auch weil nun durch die Bundesnetzagentur Voraussetzungen für den Einsatz neuer Technologien wie Vectoring (die öffentliche Anhörung dazu war gerade am Mittwoch) geschaffen werden (dazu vieleicht demnächst mal mehr). Zugleich wird die Zahlungsbereitschaft steigen, wenn Anwendungen kommen, die wirklich vielen Leuten einen echten Zusatznutzen stiften. Im Cloud Computing sehe ich da echtes Potenziel. Ein nicht ganz so schneller Ausbau der Netze, der mit den Entwicklung der Applikationen Schritt hält, kann aber bis dahin durchaus sinnvoll sein, auch weil der Ausbau tendenziell günstiger werden wird.

Noch ein letzter Gedanke zum Schluss: Der Tod der Kupferdoppelader wird schon so lange progonostiziert wie ich mit Fragen der TK-Wirtschaftbeschäfige. Dann kam ISDN, dann DSL, nun Vectoring. Und auch die nächste innovation wird kommen, die das Kupfernetz doch noch einmal schneller macht. Warum? Weltweit haben unzählig TK-Unternehmen in der Vergangenheit Kupferleitungen vergraben – das sind jetzt echte Bodenschätze, die – ökonomisch gesprochen – immer weider gehoben werden können, wenn jemandem etwas einfällt, wie man das Netz doch nocht nutzen kann. Die Anreize etwas zu erfinden, was die Lebensdauer des Kupfernetzes verlängert, indem seine Leistungsfähgkeit erhöht wird, sind weltweit betrachtet einfach gigantisch. Und wo viel Geld verdient werden kann, wo ein großer Gewinn winkt, da fangen auch kreative Köpfe an nachzudenken, wie man daran kommen kann. Daher wird die nächste Innovation für das Kupfernetz mit Sicherheit kommen, sage ich als Ökonom (und nicht als Techniker).

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