Archive | Juli, 2013

Wenn ihr schon Ökonomie studiert, besauft euch wenigstens ordentlich

30 Jul

„Son, never trust a man who doesn’t drink because he’s probably a self-righteous sort, a man who thinks he knows right from wrong all the time. Some of them are good men, but in the name of goodness, they cause most of the suffering in the world. They’re the judges, the meddlers. And, son, never trust a man who drinks but refuses to get drunk. They’re usually afraid of something deep down inside, either that they’re a coward or a fool or mean and violent. You can’t trust a man who’s afraid of himself. But sometimes, son, you can trust a man who occasionally kneels before a toilet. The chances are that he is learning something about humility and his natural human foolishness, about how to survive himself. It’s damned hard for a man to take himself too seriously when he’s heaving his guts into a dirty toilet bowl.“  – James Cumley, The Wrong Case (1975)

Zitate wie das oben von James Cumley finden sich zuhauf in Literatur und Filmen. Schon 1997 hatte ich – dadurch inspiriert – einmal angefangen, das Ganze als kleines ökonomisches Modell aufzuschreiben, bin dann aber immer wieder abgelenkt worden (nein, nicht nur durch Kneipenbesuche). Es gibt dazu auch faszinierende Studien aus dem Bereich der Sozialanthropologie, die zu lesen richtig Spaß macht (z. B. der Sammelband über „Constructive Drinking“ von Mary Douglas). 2008 habe ich das ganze Unterfangen zusammen mit Annika Herr dann aber wieder aufgenommen. Das modelltheoretische Papier, das wir dann Anfang 2010 endlich publik gemacht haben, wollte aber zunächst keine Zeitschrift haben. Einigen (wie Kyklos) war es zu mathematisch („the authors get carried away with the math“), andere verstanden die Idee nicht so richtig („why don’t they just do sports together?“)  und wieder andere verlangten nach empirischen Belegen jenseits der (umfangreichen) sozialanthropologischen Literatur.

Mit Björn Frank haben wir das Modell daher dann empirisch untermauert, das kam zumindest in Presse (Handelsblatt hier, Hessische/Niedersächsische Allgemeine hier) und Blogs gut an, z. B. bei EgghatINSM, Bier Universum, oder Rolf Schröder und hat wohl dazu beigetragen, dass unser Papier mit dem Titel „In Vino Veritas: Theory and Evidence on Social Drinking“ nach wie vor das DICE Discussion Paper mit den meisten Downloads insgesamt ist.

Der Economic Inquiry wollte dann aber nur den mit Björn Frank entwickelten empirischen Teil (als Note), sodass wir das theoretische Modell dann doch ohne den empirischen Teil zum European Journal of Law and Economics gesendet haben, wo es nun erscheinen wird (Preprint hier). Eine nicht ganz leichte Geburt, aber manchmal dauert es eben etwas länger. Die Einsicht selbst finde ich nach wie vor interessant und auch relevant.

Meine Vorlesung über die Neue Instututionenökonomik beende ich daher auch immer mit diesem Beitrag, weil es in der letzten Vorlesung bei mir auch gerade um Sozialkapital und den ökonomischen Wert von Freundschaften, Beziehungen und sozialen Kontakten sowie den Wert von Vertrauen geht. Mit Andrea Müller untersuche ich zudem gerade, wie das Ökonomiestudium selbst die Neigung zu vertrauen bei angehenden Volkswirten und Volkswirtinnen beeinflusst (negativ, wie es aussieht – das Papier haben wir hoffentlich auch demnächst fertig). Die letzte Botschaft an die Ökonomie-Studierenden in der Vorlesung ist daher: Wenn ihr schon Ökonomie studiert, besauft euch wenigstens ordentlich 😉

Vier gewinnt: Fusion von E-Plus und O2 dürfte Wettbewerb erheblich schwächen

28 Jul

Den geplanten Zusammenschluss von E-Plus und O2 auf dem deutschen Mobilfunkmarkt sehe ich kritisch, wie auch das Handelsblatt heute berichtet.

Bisher war der Markt durch sehr lebhaften Wettbewerb gekennzeichnet, der gerade von den beiden kleinen Anbietern befeuert wurde. Neue Tarifmodelle sind stets zuerst von E-Plus und O2 eingeführt wurden, Preissenkungen sind fast immer von diesen beiden Anbietern ausgegangen. Auch waren E-Plus und O2 die ersten, die ihre Netze für dritte Anbieter geöffnet haben (Aldi-Talk, Tchibo, etc.) und Skype auf ihrem Netz zugelassen haben (O2). Ein wesentlicher Grund für diesen intensiven Wettbewerb war die hohe Asymmetrie zwischen den beiden kleinen und den beiden großen Anbietern: die beiden kleinen Anbieter haben wesentlich andere Interessen (Wachstum, Marktanteilsgewinne, um so ihre Durchschnittskosten zu senken) als die beiden großen Anbieter (Margen sichern) und fahren daher auch andere Wettbewerbsstrategien. Davon lebt der Wettbewerb heute in erheblichem Ausmaß.

Durch den geplanten Zusammenschluss käme es nun zu einer Situation mit drei nahezu identisch großen Anbietern, die jeweils fast genau ein Drittel des Marktes hätten. Damit würden auch die Interessen der Anbieter „harmonisiert“ und sich die Wettbewerbsstrategien der drei Netzbetreiber vermutlich angleichen. Es entstünde leicht eine Situation kollektiver Marktbeherrschung, in der es stillschweigend zu Nichtangriffspakten kommt (ohne dass unbedingt ein echtes Kartell vorliegt). Anders ausgedrückt besteht die Gefahr, dass der Mobilfunkmarkt erheblich an seiner bisherigen Wettbewerbsdynamik verliert, weil der fusionierte Anbieter ein viel geringeres Interesse an Wettbewerbsvorstößen hat als die beiden kleinen bisher.

Interessant ist in diesem Kontext, dass KPN (die Muttergesellschaft von E-Plus) im Juli 2007 eine Beschwerde beim Bundeskartellamt eingereicht hat, in der KPN die Sicht vertritt, dass auf dem deutschen Mobilfunkmarkt kein wesentlicher Wettbewerb herrscht. Das Kartellamt hat die Ermittlungen zwar Ende 2009 eingestellt, aber selbst erhebliche Zweifel am Wettbewerb zwischen T-Mobile und Vodafone geäußert, da deren Interessen und Verhaltensweisen so ähnlich seien. Ich selbst habe die Sichtweise des Bundeskartellamtes damals nicht geteilt und darauf verwiesen, dass gerade von O2 und E-Plus erhebliche Wettbewerbsimpulse ausgehen, weil diese eben in einer ganz anderen Situation sind als Vodafone und T-Mobile (Details dazu in unserem Papier zum Wettbewerb im deutschen Mobilfunk, später publiziert  in der Zeitschrift für Wirtschaftspolitik). Durch die geplante Fusion von O2 und E-Plus würde sich aber diese Situation gerade ganz fundamental ändern.

Wichtig ist auch, dass seit dem 30.6.2013 ein novelliertes Wettbewerbsrecht in Deutschland gilt. Um eine Fusion zu untersagen, muss nun nicht mehr eine marktbeherrschende Stellung begründet oder verstärkt werden (das war bis zum 30.6.2013 so). Seitdem reicht es nach §36 GWB schon aus, wenn „wirksamer Wettbewerb erheblich behindert würde.“ Gerade eine Fusion zwischen dem dritt- und viertgrößten Anbieter im Markt wird dadurch  einfacher, sollte das Bundeskartellamt den Fall übernehmen.

Die geplante Fusion ist in Teilen den verfehlten Regulierungsvorgaben der Europäischen Kommission zu verdanken. Die Monopolkommission hat das wiederholt kritisiert, bereits 2009 im Sondergutachten 56 (Tz. 126 und Tz. 176), und zuletzt im Sondergutachten 61 (Tz. 83). Die Europäische Kommission forciert seit 2009 die Konsolidierung des Mobilfunkmarktes und gräbt durch ihre Regulierungsvorgaben gerade den kleinen Anbietern das Wasser ab. In den letzten Jahren sind die sog. Terminierungsentgelte ganz drastisch abgesenkt worden, ebenso die Roaming-Entgelte. Das sieht vordergründig richtig aus, führt aber leicht dazu, dass die kleinen Anbieter nicht mehr am Markt bestehen können, weil man sie überall dort, wo sie noch Margen verdienen können, durch eine extrem drastische Regulierung austrocknet. Die Monopolkommission hatte 2011 jedoch festgestellt, dass „der Wettbewerb im Mobilfunk (…) maßgeblich von der gegenwärtigen Marktstruktur mit vier unabhängigen Netzbetreibern und einer größeren Anzahl von Serviceprovidern ab[hängt]. Gefährdungen für den Wettbewerb können von einer zu intensiven Regulierung der Mobilfunkmärkte und der bestehenden Asymmetrie bei der Ausstattung mit Flächenfrequenzen unterhalb von 1 GHz ausgehen.“ (siehe hier).

Während die Europäische Kommission im Festnetzbereich bereits umschwenkt und wieder stärker auf Investitionsanreize (in Breitband) achtet, soll der Mobilfunk nach wie vor nach wesentlich strengeren Kostenmaßstäben reguliert werden. Vordergründig profitieren die Verbraucher von diesen Preissenkungen – wenn nun aber ein Mobilfunker in Deutschland wegfällt, werden die Verbraucher die Zeche dafür nach meiner Einschätzung doppelt und dreifach zahlen, weil sie weniger Auswahl haben werden und die Wettbewerbsdynamik ziemlich gebremst werden dürfte.

Nachtrag (29.07.2013): Nils Lemberg hat mich zurecht darauf hingewiesen, dass zunächst einmal die Europäische Kommission für die Fusionskontrolle in diesem Fall zuständig ist (vgl. auch seinen Blog-Eintrag hier). Allerdings kann das Bundeskartellamt einen Antrag auf Verweisung stellen, um den Fall zu übernehmen. Andreas Mundt hat sich dazu bereits indirekt geäußert, wie das Handelsblatt berichtet.

Nachtrag II (06.08.2013): Wäre es für die Kunden nicht vorteilhaft, wenn ein großer Anbieter für eine bessere Netzabdeckung sorgen würde, mag man fragen, wie z.B. egghat und Jakob Steffen in ihren Kommentaren unten anmerken. In der Tat mag dies durchaus sein. Jedoch ist dafür keine Fusion erforderlich. Zum einen werden demnächst eine ganze Reihe von Frequenzen frei, die für den Mobilfunk genutzt werden können, auch ohne Fusion. Und zum anderen – und das ist noch wichtiger – ist auch ohne einen Unternehmenszusammenschluss eine gemeinsame Frequenznutzung durch vertragliche Vereinbarungen möglich. So hat z.B. in der Vergangenheit O2 das Netz von T-Mobile mit genutzt, ohne dass die Unternehmen sich gleich zusammengeschlossen haben. Man kann das Netz auf der einen Seite gemeinsam nutzen (durch sog. National Roaming-Vereinbarungen bzw. „Infrastructure Sharing“), aber auf der anderen Seite trotzdem um die Kunden konkurrieren. Das ist z. B. im Festnetz völlig normal, wo viele Anbieter das Netz der Deutschen Telekom mit nutzen, und das geht auch ganz ohne Fusion. Kartellrechtlich ausgedrückt sind diese Vorteile wohl nicht „fusionsspezifisch“, weil sie eben auch ohne Fusion realisiert werden können. – Kommentar dazu sollte in den nächsten Tagen auch in der Fuldaer Zeitung erscheinen.

Nachtrag III (06.08.2013): E-Plus-Tochter blau.de wagt heute einen interessanten Wettbewerbsvorstoß und schafft internationale Roaminggebühren (fast) ab. Auch dies belegt die Bedeutung von E-Plus für den Wettbewerb.