Archiv | Mai, 2013

Wie wir das Klima mit Stromfressern wie Nachtspeicheröfen retten! Echt.

29 Mai

Der Bundestag hat am 17. Mai 2013 beschlossen, das 2009 beschlossene Verbot von Nachtspeicheröfen zurückzunehmen, weil Nachtspeicheröfen in Zeiten der Energiewende auch als flexible Stromspeicher genutzt werden könnten. Die Abgeordneten der Koalition haben für eine entsprechende Änderung im Energieeinspargesetz (EnEG) gestimmt, die SPD enthielt sich, die Grünen und die Linken haben dagegen votiert (Bericht im Spiegel dazu hier und bei Yahoo! hier). Noch vor vier Jahren hatte die damalige große Koalition aufgrund der hohen CO2-Emissionen eine Novelle des EnEG beschlossen, nach der Nachtspeicherheizungen bis zum 31.12.2019 verboten wurden  – allerdings mit ein paar Ausnahmen für die Hausbesitzer, die in der Vergangenheit einmal verpflichtet wurden, Nachtspeicheröfen einzubauen.

In der Presse wurde dies als Klientelpolitik zugunsten von Immobilienbesitzern und/oder Energiekonzernen (z. B. hier  oder hier) kritisiert. Der Spiegel sprach vom „Nachtspeicher-Irrsinn“ und von einem „Sargnagel für die Klimapolitik“ (und zwar: hier), weil Nachtspeicheröfen Stromfresser sind (was ohne Zweifel richtig ist). Aber es gab auch positive Kommentare (z. B. vom Kollegen André Thess in der Thüringer Allgemeinen), da wir ja Stromspeicher für die Energiewende gut gebrauchen können.

Was viele in der Debatte völlig zu übersehen scheinen, ist folgendes: Das Abschalten der Nachtspeicheröfen und das Austauschen gegen Gasheizungen oder moderne Pellet-Heizungen schädigt das Klima. Warum? Das hört sich doch total paradox an. Und das ist es in gewisser Weise auch, aber es ergibt sich direkt aus der aktuellen Ausgestaltung der Klimapolitik in Europa. Wieso?

Ganz kurz: Die gesamte Stromerzeugung in Europa unterliegt dem Europäischen Emissionshandel (EU ETS (EU Emissions Trading System) oder hier mal etwas vereinfacht als CO2-Handel bezeichnet)  und der damit verbundenen CO2-Obergrenze. Das gesamte Ausmaß an CO2-Emissionen in der EU ist durch den Europäischen Emissionshandel in den davon erfassten Sektoren gedeckelt (genaue Erklärung z. B. hier bei Wikipedia). Die Stromerzeugung gehört zu den erfassten Sektoren, der Wärmebereich – abgesehen vom Heizen mit Strom – dagegen nicht. Heizen per Nachtspeicheröfen ist also, weil es ja durch Strom geschieht, VOLL vom CO2-Handel erfasst. Durch diese Heizungen wird also kein Gramm zusätzliches CO2 in Europa ausgestoßen. Das Heizen mit Gas und Pellets hingegen ist nicht vom CO2-Handel erfasst (dies ist im Übrigen das wirkliche Problem, dass der Wärmemarkt beim CO2-Handel außen vor ist). Wird also ein Nachtspeicherofen durch eine Gas- oder Pellet-Heizung ersetzt, werden CO2-Zertifikate frei, die an anderer Stelle genutzt werden können, um dann dort CO2 auszustoßen, während zugleich durch das Heizen mit Gas oder Pellets mehr CO2 in die Luft gepulvert wird.

So paradox es sein mag: Laufen die Nachtspeicheröfen nun einfach weiter, wird also kein Gramm zusätzliches CO2 in die Luft gepulvert, weil die von der EU festgelegte Obergrenze für den CO2-Ausstoß eben unverändert bleibt. Im Gegenteil: Es wird sogar weniger CO2 in die Luft gepulvert als beim Heizen mit Gas oder Pellets, weil diese beiden Heizformen eben nicht unter die CO2-Obergrenze fallen und nicht vom CO2-Handel erfasst werden. Das Heizen mit Nachtspeicheröfen führt also bei der heutigen Ausgestaltung des EU ETS aufgrund seiner immanenten Logik  in der Gesamtbetrachtung zu einem geringeren CO2-Ausstoß als das Heizen mit Gas oder Pellets. (Dies kann man im Übrigen auch schön nachlesen im Buch meines Kollegen Joachim Weimann über die „Klimapolitik-Katastrophe“).

Es greift  immer weider dieselbe Logik:  Beim Glühbirnenverbot (irrelevant für den CO2-Ausstoß wegen EU ETS), EEG (irrelevant für den EU-weiten CO2-Ausstoß wegen EU ETS) oder Atomausstieg (irrelevant für den EU-weiten CO2-Ausstoß wegen EU ETS). Im Falle des Atomausstiegs hat sich im Übrigen auch der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, diese Argumentation (zurecht) einmal zu eigen gemacht (siehe z. B. hier im Handelsblatt). Jedoch gilt die Logik des Emissionshandels nicht nur für den Atomausstieg, sondern natürlich auch bei Glühbirnenverbot, Nachtspeicheröfen und EEG. Der CO2-Ausstoß wird durch die im EU ETS festgelegte Obergrenze an CO2 begrenzt.  Weil aber die Stromerzeugung vom EU ETS erfasst ist, das Heizen mit Gas und Pellets aber nicht, führt das Abschalten von Nachtspeichern und ein Umstellen auf Gas und Pellets – so paradox das ist – zu mehr CO2-Emissionen.

Reformbedarf besteht daher beim Europäischen Emissionshandel. Der Wärmemarkt sollte hier komplett mit einbezogen werden, also auch das Heizen mit Öl, Gas und Pellets (ebenso wie übrigens der gesamte Verkehrsbereich). Dies lässt sich bei den Endverbrauchern zwar schwer bewerkstelligen, könnte aber zumindest bei Öl und Gas auf der Großhandelsstufe ansetzen. Dann würde man auch keine Verbote benötigen – der unterschiedliche CO2-Ausstoß würde sich in unterschiedlichen Kosten für die verschiedenen Heizformen widerspiegeln. Das mangelnde politische Interesse an einer Reform des Europäischen Emissionshandels zeigt jedoch – leider, leider – wie gering das politische Interesse an echtem Klimaschutz ist.

Was die drastische Kritik im Spiegel an der Aufhebung des Verbots an  Nachtspeicherheizungen angeht – da sollte Spiegel-Redakteur Alexander Neubacher („Ökofimmel“) vielleicht seinem Kollegen Stefan Schultz mal ein Exemplar seines Buches spendieren. 😉

Schornsteinfeger spielen wohl immer noch Monopoly

28 Mai

Gunnar Sohn hat einen guten Eintrag dazu, dass der Wettbewerb bei Schornsteinfegern nur langsam in Gang kommt. Zum Glück sind die Verbraucherzentralen da aber auch schon aktiv bei der Aufklärung.

Ich sag mal

Eher Glückspilz als Glücksbringer

Das Kaminkehrermonopol ist bekanntlich zum 1. Januar gefallen. Als Kunde (also Hauseigentümer oder Hausbesitzer) kann ich jetzt selbst entscheiden, wer bei mir die gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben bei der Überprüfung meiner Heizungsanlage vornimmt.

„Bisher mussten Hausbesitzer denjenigen schwarzen Mann ins Haus lassen, den das Amt für sie bestellt hatte: denn seit 77 Jahren hat die Regierung mit der Aufteilung der Kehrbezirke den Schornsteinfegern ihre Kundschaft förmlich zugeschanzt. 8000 registrierte Bezirksmeister teilten das Bundesgebiet unter sich auf“, so die FAZ. Das entsprach in den Augen der Europäischen Union nicht den Regeln eines freizügigen Marktes, weswegen sie der Bundesrepublik diese Praxis untersagte.

So sieht jedenfalls die Theorie aus.

Der „bevollmächtigte Bezirksschornsteinfeger“ für Bonn-Duisdorf agiert aber nach wie vor so, wie in den Jahrzehnten davor. Im Briefkasten findet sich eine Benachrichtigungskarte mit einem Termin(Vorschlag) – mehr nicht. So stand der Mann vor meiner Tür und wollte die Prüfung meiner Gas-Heizung vornehmen. Länger als…

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Kaiserslautern gegen Hoffenheim: Tradition versus Retorte? Oder Staat versus Privat?

21 Mai

Deutschlands Traditionsvereine stehen in der Relegation zu 100% hinter dem 1. FCK. Gegen Retortenvereine und Milliardäre in der Bundesliga„, so lautet einer von recht vielen Aufrufen im Internet.  Auch die Kaiserslauterner Fans rufen den Kampf der Kulturen aus: hier der Traditionsverein aus Kaiserslautern, dort das gepeppelte Retortenbaby aus Hoffenheim (wie z.B. hier). Wie auch immer man das private Engagement von Dietmar Hopp bei der TSG 1899 Hoffenheim sehen mag (Neid?) und warum auch immer man das als kritikwürdiger empfinden mag als z. B. das Engagement von Gazprom bei Schalke 04, beim 1. FC Kaiserslautern hat inzwischen vor allem eines Tradition: Fortwährende Misswirtschaft und ein Bail-out durch den Steuerzahler nach dem Anderen. Moral hazard in Reinkultur, der Steuerzahler ist immer wieder der Dumme, zumindest solange Kurt Beck in Rheinland-Pfalz Ministerpräsident war (aber dessen vorbildlicher Umgang mit Steuergeldern ist ja auch durch andere Projekte wie z.B.  die Nürburgring-Saga bekannt).

Zur Erinnerung (und das sind nur Auszüge):

  • Oktober 2002: „Die Lotto Rheinland-Pfalz GmbH gewährt dem 1. FC Kaiserslautern ein Darlehen und sichert dem Klub damit kurzfristig das finanzielle Überleben.“ (siehe FAZ vom 16.10.2002)
  • Mai 2004: Die „kreative“ Vertragsgestaltung um den Transfer von Youri Djorkaeff  interessiert die Staatsanwaltschaft (siehe Spiegel vom 03.05.2004)
  • März 2008: Der überdimensionierte und viel zu teure Stadionbau von 2006 droht nicht nur den 1. FCK, sondern auch die Stadt Kaiserslautern in den Abgrund zu ziehen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt dazu: „Der 1. FC Kaiserslautern steht nicht nur sportlich am Abgrund. Seit Jahren werden Steuergelder verbrannt. Nirgendwo anders wurden Gesetze so hemmungslos gebrochen und gehören Größenwahn und Dilettantismus zum unternehmerischen Wirken.“ (Der Bericht aus der FAS mit dem Titel „Die Verschwender aus der Pfalz“ ist hier) – Am letzten Spieltag schafft der 1. FCK dann den Klassenerhalt in der 2. Liga mit einem 3:0 Heimsieg über den 1. FC Köln. Die Story zum Stadionbau ist auch im Buch von Karl-Heinz Däke, ehemaliger Präsident des Bundes der Steuerzahler, über „Die Milliarden-Verschwender“ nachzulesen.
  • April 2013: Sportlich hat sich einiges gebessert, finanziell nicht wirklich, wie die FAZ einmal wieder schreibt. Das Verbrennen von Steuergeld ist immer noch ein Thema (FAZ-Beitrag vom 8.4.2013 hier)

Auch mir sind Traditionsvereine mit vollen Stadien irgendwie lieber als „Retortenvereine“ mit (ziemlich) leeren Stadien. Wenn allerdings die Tradition inzwischen weitgehend darin besteht, immer wieder den Steuerzahler zur Kasse zu bitten, ist die Sympathie doch arg begrenzt. Dann wäre vielleicht mal eine Zeit der Besinnung angebracht und eine Austeritätspolitik.

Für einen Hochschullehrer ist das Schöne am 1. FC Kaiserslautern aber natürlich, dass er eine fabelhafte Illustration dafür bietet, wie wiederholte Bail-outs zu Moral Hazard und Verantwortungslosigkeit führen. Aber diese Beispiele wird der 1. FCK sicher in der 2. Liga weiter genauso bieten wie in der 1. Liga.

Als Mitglied des Traditionsvereins FC St. Pauli muss ich leider sagen, dass ich in keinem Fall zu 100% hinter dem 1. FC Kaiserslautern und seiner Geschäftspolitik zu Lasten des Steuerzahlers stehe.

Wissenschaftlich bewiesen: Angela Merkel ist nicht schuld an Cascadas Misserfolg

20 Mai

Was gibt es für einen Wettbewerbsökonomen Schöneres als einem echten Wettbewerb live zuzusehen, dachte ich mir und habe mir den Eurovision Song Contest (#ESC2013) am Sonnabend angesehen (wie auch in den Jahren zuvor). Mein muskialischer Favorit war ja der norwegische Beitrag von Margaret Berger, aber ihre Botschaft „I feed you my love“ hat mir insgesamt weniger gut gefallen als die griechischen Pogues aka Koza Mostra & Agathonas Iakovidis mit „Alcohol is Free“.

Das Interessante am ESC 2013 war aber weniger der Ausgang des Wettbewerbs als der anschließende Interpretationsversuch von ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber für das schlechte Abschneiden der deutschen Kandidatin Natalie Horler aka Cascada. „Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne“, so Schreiber wörtlich (siehe z. B. auch stern.de, Spiegel Online oder der britische Telegraph, der Peter Uban mit einer ähnlichen Vermutung zitiert). Dass Angela Merkel und such Deutschland als solches sich in Europa nicht nur Freunde schaffen durch die Austeritäts-Politik und den Euro-Rettungskurs, ist wohl richtig. Dass sich dies aber in der Punktevergabe der 38 anderen Teilnehmerländer widerspiegelt und Natalie Horler stellvertretend für Angela Merkel abgestraft wurde, erscheint vielen Leuten doch zunächst recht bizarr (so z.B. auch dezidiert Spiegel Online).

In der Tat scheint das ein einfacher Blick auf die Länder zu zeigen, aus denen Natalie Horler Punkte bekommen hat (nette Grafik dazu hier). Neun Punkte kamen aus Euro-Ländern (sechs aus Österreich und drei aus Spanien – ok, vermutlich Mallorca) und neun aus Nicht-Euro-Ländern (fünf aus Israel, drei aus Albanien und einer aus der Schweiz). Überhaupt nahmen neben Deutschland nur 14 weitere Euro-Länder (inkl. San Marino) teil – Luxemburg, Portugal und die Slowakei waren nicht dabei, die große Mehrheit, nämlich 24 Teilnehmer, kam nicht aus Euro-Ländern. Dass die deutsche Austeriätspolitik in Weißrussland, Aserbaidschan oder auch Dänemark und Großbritannien die Stimmabgabe merklich beeinflusst haben soll, ist wohl eher (a) ein nett gemeinter, aber doch misslungener Trostversuch für Natalie Horler und vor allem (b) ein Ablenkungsmanöver von der eigenen Unfähigkeit in der ARD, ohne Stefan Raab vernünftige Titel auszuwählen.

Auch wenn die These der ARD, dass allen voran Angela Merkel schuld am schlechten Abschneiden von Cascada sei, recht dünn ist, so zeigt sich aber auch, dass gleichwohl nicht nur die Qualität von Musik und Auftritt entscheidend sind für das Abschneiden beim ESC. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern hat die Punktvergabe beim ESC inzwischen analysiert:

  • Schon 2005 hat Victor Ginsburgh (hier sein  Bing Bang Blog, auf Französisch) im Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 1-17) einen Aufsatz über „Languages, Genes, and Cultures“ publiziert und gezeigt, dass die Punktevergabe beim ESC von kultureller und linguistischer Nähe abhängt (und nicht so gut durch einen „Stimmentausch“ erklärt werden kann).
  • In derselben Ausgabe des Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 59-78) haben Marco Haan, Gerhard Dijkstra und Peter Dijkstra einen Aufsatz („Expert Judgment Versus Public Opinion – Evidence from the Eurovision Song Contest“), in dem sie zeigen, dass Expertenjurys in ihrem Urteil weniger durch diese anderen Faktoren beeinflusst werden als das Televoting durch die Zuschauer. Gleichwohl sind Jurys auch nicht völlig unbeeinflusst durch diese Faktoren.
  • Nicht  nur Ökonomen, auch Physiker befassen sich mit diesen enorm wichtigen Dingen: So hat ein in Oxford ansässiges Physikerteam aus Neil Johnson und Ko-Autoren 2006 in Physica A (Vol. 360, 2006, S. 576-598) eine Studie mit dem Titel „How does Europe Make Its Mind Up? Connections, Cliques, and Compatibility between Countries in the Eurovision Song Contest“  publiziert. Eines der Kernergebnisse ist „that the UK is remarkably compatible, or ‚in tune‘, with other European countries during the period of study [Anmerkung: 1992-2003]. Equally surprising is our finding that some other core countries, most notably France, are significantly ‚out of tune‘ with the rest of Europe during the same period.“
  • Ein zweites Forscherteam aus Oxford um S. Saavedra hat im Folgejahr gleich nachgelegt und wiederum in Physica A (Vol. 377, 2007, S. 672-688) eine weitere Studie dazu publiziert. Inhalt ist eine Analyse über (a) „structure and behaviour of a specific voting network using a dynamic structure-based methodology which draws on Q-Analysis and social network theory“, (b) „structures that may identify the winner based purely on the topology of the network“ und (c) „the dynamic behaviour exhibited by the network in order to understand the clustering of voting preferences and the relationship between local and global properties.“
  • Victor Ginsburgh hat sich (gemeinsam mit Abdul Noury) 2008 im European Journal of Political Economy (Vol. 24, 2008, S. 41-52) sich fast genau der ARD-Hypothese von Thomas Schreiber angenommen und untersucht, ob politische oder kulturelle Faktoren das Wahlverhalten beim ESC besser erklären können. Das Ergebnis der Studie mit dem Namen „The Eurovision Song Contest. Is Voting Political or Cultural?“ ist, dass die Stimmvergabe rein empirisch betrachtet besser durch Qualität des Titels, linguistische und kulturelle Nähe erklärt und prognostiziert werden kann als durch politische Konflikte und Freundschaften. Eine vorläufige (leider nicht die endgültig publizierte) Open Access-Version des Aufsatzes ist bei SSRN hier.
  • Zu etwas anderen Ergebnissen kommen allerdings L. Spierdijk und M. Vellekoop in ihrer 2009 in Empirical Economics publizierten Studie „The Structure of Bias in Peer Voting Systems: Lessons from the Eurovision Song Contest“, in der sie untersuchen, ob die Stimmenverteilung regional in verschiedene Länderclustern ähnlichen Mustern folgt. Ergebnis: „We establish strong evidence for voting bias in the song contest on the basis of geography, even after correction for culture, language, religion and ethnicity. However, these effects do generally not correspond to the usual accusations.“
  • Jetzt sind auch die Geographen interessiert: J.-F. Gleyze vom französischen „Institut Géographique National, Laboratoire COGIT“ hat dazu kürzlich in CyberGeo (Vol. 2011, 10. Januar 2011, S. 1-30)  eine Studie mit dem Titel „L’impact du voisinage géographique des pays dans l’attribution des votes au Concours Eurovision de la Chanson“ publiziert, die auch diverse Ländercluster bildet.
  • Interessant ist auch die von D.B. Verrier im letzten Jahr in Judgment and Decision Making (Vol. 7, 2012, S. 639-643) publizierte Studie über „Evidence for the Influence of the Mere-Exposure Effect on Voting in the Eurovision Song Contest“, die zeigt, dass selbst geringfügige Wiedererkennungseffekte eine Rolle spielen. Je mehr Zuschauer in einem Land ein Lied bereits im ESC-Halbfinale gesehen haben, desto besser schneidet es im Durchschnitt ab, selbst wenn man für alle anderen Einflussfaktoren kontrolliert.
  • Jetzt aber kommts: Eine brandneue und bisher noch nicht publizierte Studie von David García und Dorian Tanase (beide von der ETH Zürich) mit dem Titel „Measuring Cultural Dynamics Through the Eurovision Song Contest“ suggeriert, dass die Eurokrise das Abstimmverhalten doch verändert haben könnte und zu einer Spaltung Europas beitragen kann. In Nature wird das unter Anderem so zusammengefasst: „García and Tanase found that, among the 15 countries that have been members of the European Union since 1995, both the positive and negative biases were larger in 2010 and 2011 than before: In other words, opinions became more polarized. This period, the researchers point out, corresponds to a time of European economic turbulence due to debt, loans and austerity measures, especially in Greece, Spain, Portugal, Ireland and Italy. What’s more, those unfortunate countries seemed to cluster together in the network as if huddling for consolation — with the exception of Ireland, which joined a second cluster of less-affected countries. The researchers suggest that Eurovision voting might be reflecting feelings of tension and a breakdown of cohesion in the European Union.“

So ganz falsch ist die ARD bzw. Thomas Scheiber also vielleicht doch nicht mit ihrer Hypothese. Allerdings dürften die Effekte nur marginal sein und sie beziehen sich nur auf die EU-15-Staaten, die García und Tanase analysiert haben, nicht aber auf die Nicht-EU-Länder. Vielleicht sind also Cascada in der Tat ein paar Pünktchen verloren gegangen, aber selbst bei doppelter Punktzahl hätte es nur für Platz 19 gereicht. Die naheliegendste Erklärung ist manchmal auch die richtige: Der Titel war einfach zu langweilig, zu wenig witzig, zu wenig innovativ und zu harmlos.

Noch ein Wort zum Spieltag: Droht der Bundesliga eine Dominanz der Bayern?

12 Mai

Das war eine der Fragen, die wir am Mittwochabend auf der Podiumsdiskussion in Helmstedt mit Klaus Allofs diskutiert haben. Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Klaus Allofs war der Meinung, dass dem nicht so sei, da auch die Bayern Fehler machen würden. Ich war mir aus anderen Gründen weniger sicher, wie diese Fragen zu beantworten ist.

Natürlich sind die Bayern das finanzielle Schwergewicht der Liga – mit einem Umsatz von über 370 Mio. Euro und einem Spieleretat von 115 bis 125 Mio. Euro (gute allgemeine Übersicht dazu hier) liegen sie deutlich vor der Konkurrenz (im Detail hier). Dies wird sich in Zukunft auch kaum ändern. (Bei uns auf dem Land pflegte man wenig vornehm zu sagen: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“, und das gilt auch hier, die Mittelverteilung durch die Champions League befördert das ganz besonders). Die Frage ist jedoch, ob das eine „Bedrohung“ ist.

In der sportökonomischen Literatur wird heftig darum gerungen, (a) wie wichtig die sportliche Ausgeglichenheit („competitive balance“) einer Liga dafür ist, dass der Wettbewerb auch für Zuschauer attraktiv ist, und (b) wie man „sportliche Ausgeglichenheit“ denn überhaupt messen soll. Ein Bauchgefühl sagt vielen sicherlich, dass die Ausgeglichenheit irgendwie wichtig ist. Und oftmals kommt dann noch der empirisch ziemlich wenig fundierte Satz hinterher, dass gerade die Bundesliga die ausgeglichenste Fußballliga in Europa sei. Das kann man ja erst einmal so behaupten, aber stimmt das auch? Woran soll ich das genau festmachen?

In den letzten 15 Jahren ist Bayern München neun Mal Deutscher Meister geworden, also in 60% aller Fälle, drei Mal immerhin Dortmund, und dann waren da noch Wolfsburg, Stuttgart und Bremen, alle je einmal. Wettbewerbsökonomisch ergibt das einen Konzentrationsgrad, gemessen durch den Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), von 4133. (Nebenbei bemerkt war Albert Hirschman, einer der Namensgeber des HHI, ein toller Ökonom – hier der Nachruf im Economist -, nach dem eigentlich in Berlin eine Straße benannt werden sollte, was aber wohl nicht gehen wird, weil er ja keine Frau war  – OK, jetzt zurück zum Thema). In den letzten 20 Jahren waren die Bayern „nur“ elf Mal Meister, also „nur“ in 55 Prozent der Fälle, Dortmund dann fünf Mal (also 25 Prozent) und dann noch einmal Kaiserslautern zusätzlich. Der HHI sinkt dann immerhin auf 3750.

Im internationalen Quervergleich ist nur ManU ähnlich dominant wie die Bayern in Deutschland, mit ebenfalls 9 von 15 Titelgewinnen in den letzten 15 Jahren. Der 15-Jahres-HHI ist in England mit 4222 sogar noch leicht höher als in der Bundesliga. In Spanien beträgt der 5-Jahres-HHI 3511, in Italien 2800 und in Frankreich 2622. Der Meisterschafts-Konzentrationsgrad ist also in den letzten 15 Jahren in der Bundesliga und der Premier League am höchsten. Eventuell ist dieser Meisterschafts-HHI kein gutes Maß für sportliche Ausgeglichenheit – die Frage ist dann aber, welches Maß denn besser ist und wieso. Ein einfaches Bauchgefühl nach dem Motto „Das kommt mir so vor“ oder „Das weiß man halt“ ist da irgendwie etwas dünn. Interessant wäre eventuell ein systematischer Vergleich von Wettquoten als Maß für Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen oder zu verlieren, könnte doch mal jemand machen….

Die Frage ist zudem, wie wichtig die Ausgeglichenheit denn wirklich für die Zuschauer ist. Ist die Dominanz von Bayern München so bedrohlich, dass die Zuschauer das Interesse verlieren? Auch die Auswärtsspiele von Bayern München sind ja fast immer ausverkauft, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Sieges der Heimmannschaft deutlich geringer ist als im Heimspiel gegen einen x-beliebigen Tabellenneunten. Dabei ist das Spiel gegen den Tabellenneunten ja im Durchschnitt logischerweise viel ausgeglichener als eines gegen Bayern München. Oftmals wird die angeblich besondere Ausgeglichenheit der Bundesliga einfach behauptet und dann die hohen Zuschauerzahlen der Bundesliga als Beleg herangezogen, um zu demonstrieren, wie wichtig Ausgeglichenheit für das Zuschauerinteresse sei. So hatte z. B. auch das Handelsblatt am 3./4./5.5. im Sonderteil seiner Wochenendausgabe auf die guten Zuschauerzahlen in der Bundesliga verwiesen. Während in Deutschland im Schnitt 42100 Zuschauer jedes Bundesliga-Spiel besuchen (Angaben aus der Ausgabe des Handelsblatts), sind es in Spanien nur 25900, in England 35400, in Italien 23500 und in Frankreich 19700.

Ein Vergleich von durchschnittlichen Zuschauerzahlen sagt aber relativ wenig aus. Erstens finden in Deutschland in einer Saison nur 34 x 9 = 306 Ligaspiele statt, während es in Spanien und England 38 x 10 = 380 Spiele sind. Somit sehen in Deutschland 12,9 Mio. Zuschauer Erstligaspiele, in England dagegen sogar 13,4 Mio. und in Spanien 9,8 Mio. Leute. Somit haben die Ligen mit der höchsten Konzentration, gemessen durch den Meistschafts-HHI, absolut die meisten Zuschauer. Bezogen auf das Zuschauerpotenzial von 46 Mio. Einwohnern in Spanien und 55 Mio. Einwohner in England steht die Premier League mit einem Faktor on 1:4 sogar deutlich vor der Bundesliga mit 1:6,2, während die spanische Liga mit 1:5 dazwischen rangiert. Das Zuschauerpotenzial in der Bundesliga ist also noch keinesfalls ausgeschöpft und könnte durch die Aufnahme von zwei weiteren Vereinen (wie in den übrigen großen europäischen Ligen) erweitert werden.

Vor allem aber kann das Argument, dass eine Zentralvermarktung der TV-Rechte (dazu ggf. demnächst einmal mehr) notwendig sei, um die Ausgeglichenheit der Liga und damit das Zuschauerinteresse zu gewährleisten, nicht ohne Weiteres aufrecht erhalten werden. Gemessen am Zuschauerpotenzial ist das Zuschauerinteresse in England und Spanien sogar höher, trotz teilweise deutlich höherer Eintrittspreise. Zur Verteidigung der Zentralvermarktung sollten daher stichhaltigere Belege vorgelegt werden als das Gefühl, dass die Bundesliga irgendwie ausgeglichener sei als andere Ligen und das wiederum kausal für ein hohes Zuschauerinteresse sei.

Globalisierung an der Uni

8 Mai

In dieser Woche hatten wir Berufungsvorträge für eine Juniorprofessur für VWL mit einem mikroökonomischen Schwerpunkt. Von den 38 eingegangenen Bewerbungen (davon 13 Bewerberinnen) haben wir letzten Endes drei Kandidatinnen und zwei Kandidaten zu Berufungsvorträgen eingeladen. Das Spektrum zeigt aus meiner Sicht ziemlich gut, wie international die VWL mittlerweile auch in Deutschland geworden ist. Die fünf Kandidaten und Kandidatinnen können rein äußerlich wie folgt charakterisiert werden (die Vorträge sind zwar hochschulöffentlich und somit nicht geheim, aber ich nenne jetzt mal keine konkreten Namen hier im Blog).

  • eine deutsche Bewerberin, die momentan an einer belgischen Uni forscht,
  • ein griechischer Bewerber, der momentan in Griechenland forscht,
  • eine litauische Bewerberin, die aktuell in Holland forscht,
  • eine polnische Bewerberin, die aktuell in Deutschland forscht, und
  • ein griechischer Bewerber, der aktuell in Deutschland forscht.

Ob es Zufall war oder ein Resultat der schlechten Situation in Griechenland, dass wir von dort zwei so gute Bewerbungen haben, vermag ich anhand einer einzigen Stichprobe kaum zu sagen, finde es aber spannend. Auf jeden Fall besteht unsere Auswahl somit ja aus einer Deutschen, die aber aktuell im Ausland ist, und vier Ausländern, von denen zwei in Deutschland und zwei im Ausland forschen. Für die Wissenschaft ist die Globalisierung so betrachtet ein absoluter Segen. Und unter dem Aspekt des „Diversity Managements“ wäre wohl jeder Personalchef stolz auf unsere Auswahl. Wir sind es auch – aber nicht so sehr wegen der „Diversity“, sondern wegen der hohen Qualität der Bewerberinnen und Bewerber. Die Globalisierung erhöht auch in Academia den Wettbewerbsdruck, und der wirkt auch hier qualitätsfördernd, sogar an staatlichen Universitäten!

Abseits ist, wenn der Schiri pfeift. Und Compliance das, was dem Aufsichtsrat gerade gefällt.

8 Mai

Heute abend darf ich mit Klaus Allofs und meinem Kollegen Joachim Weimann in Helmstedt (an der ehemaligen Universität) darüber diskutieren, wohin die Reise im deutschen Profifußball gehen wird: Fußball als Millionengeschäft für Millionen. Ich freue mich schon sehr auf die Diskussionsrunde. Es wird sicher um Financial Fair Play im Fußball, die Zentralvermarktung der TV-Rechte und die Kommerzialisierung des Fußballs im Allgemeinen gehen.

Als wir die Podiumsdiskussion Anfang Januar geplant haben, war der Wirbel um Uli Hoeneß nicht abzusehen, und vermutlich werden wir das heute auch nicht diskutieren, da es ja nur am Rande mit der prinzipiellen Kommerzialisierung des Fußballs zu tun hat. Daher kann ich das ja nun hier tun. Der Aufsichtsrat der Bayern München AG hat am Montagabend einstimmig entschieden, das Angebot von Uli Hoeneß, das Amt des Aufsichtsratvorsitzenden ruhen zu lassen, nicht anzunehmen. Das ist aus vielerlei Gründen eine bemerkenswerte Entscheidung. Meine Münchener Kollege Manuel Theisen hat bereits mit deutlichen Worten kritisiert, dass sämtliche Statements über Compliance, Good Corporate Governance, etc. der mitwirkenden Aufsichtsratsmitglieder (Zusammensetzung hier) wohl eher als Geschwätz und Gefasel oder  – netter ausgedrückt – Sonntagsreden abzutun sind.

Nun mag man die Steuerhinterziehung als private Angelegenheit abtun, die mit dem Verein ja eigentlich nichts zu tun hat, auch wenn die Deutsche Post AG das damals bei Klaus Zumwinkel wohl etwas anders gesehen hat. Bemerkenswert finde ich jedoch vielmehr die Tatsache, dass (a) Uli Hoeneß im Jahr 2000 vom damaligen Chef von Adidas, Robert Louis-Dreyfus,  5 Millionen DM direkt und 15 Millionen DM durch eine Bürgschaft bekommen hat und (b) sich Adidas kurz später mit zehn Prozent an der FC Bayern München AG beteiligt hat (und dafür 75 Millionen Euro in Aktien bezahlt hat) und der FC Bayern zudem den Ausrüstervertrag mit Adidas bis 2010 verlängert hat, obwohl dafür nach eigenen Angaben von Ulii Hoeneß wohl höhere Angebote von „zig interessierten Unternehmen“ ausgeschlagen wurden (siehe dazu z. B. die Süddeutsche Zeitung).

Mir wäre als Miteigentümer oder auch Mitglied eines Vereins sehr mulmig zumute, wenn ein leitender Angestellter z. B. von einem Zulieferer oder eben Sponsor (jetzt rein hypothetisch) 20 Mio. DM privat bekommen würde und der Verein dann kurz später günstigere Angebote anderer Zulieferer oder Sponsoren ausschlagen würde. Ich würde mich dann fragen, ob die 20 Mio. DM auch hätten beim Verein landen können und nicht auf dem Privatkonto des leitenden Angestellten. Aber natürlich gibt es für einen solchen Zusammenhang keinerlei Hinweis, wie die SZ auch berichtet. Aus der Soziologie ist allerdings spätestens seit dem immer wieder lesenswerten Essay von Marcel Mauss über die Gabe bekannt, dass Geschenke nicht einfach Geschenke sind, wie man naiverweise glauben mag, sondern ein Geschenk immer ein Gegengeschenk verlangt (das kennen wir ja auch schon seit unseren Kindergeburtstagen). Wer ein Geschenk annimmt, fühlt sich dem Schenkenden gegenüber zumindest so lange verpflichtet, bis er die „Schuld“ durch ein Gegengeschenk abgetragen hat. Das ist dann zwar kein Vertrag im juristischen Sinne, aber die ökonomische Effekte dieser Freundschaftsdienste sind ganz ähnlich. Ich hätte kein gutes Gefühl, als Außenstehender von zu vielen Amigos umgeben zu sein, zumindest wenn ich eben ein Außenstehender wäre und kein Mitglied des sozialen Netzes (anderenorts hat man von Seilschaften gesprochen statt von Netzen…) Aber im Aufsichtsrat des FC Bayern München kann ja auch jeder ganz andere Gefühle haben, das steht natürlich jedem frei. Bei „meinem“ Verein würde mir das jedenfalls ziemlich sauer aufstoßen….