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Das Wort zum Spieltag: Fußball als Religionsersatz

28 Apr

Viele Menschen scheinen eine Art Nachfrage nach religiösen oder quasi-religiösen Erlebnissen zu haben. Manchen gefällt das Angebot traditioneller Religionen wie der katholischen oder evangelischen Kirche. Andere neigen zu esoterischen Angeboten oder spirituellen Selbsterfahrungen. Und wieder andere können ihre Religionsnachfrage am ehesten befriedigen, indem sie Popstars, Schauspieler, Autoren, große Künstler oder Fußballvereine anhimmeln – das Wort zeigt schon den quasi-religiösen Charakter dieser Leidenschaften. Bei mir selbst ist es Letzteres, der Fußball also, mit dem ich meine Nachfrage nach religiösen Erlebnissen befriedige. Und gerade bin ich auf dem Weg (also eine Art Wallfahrt) zum Heimspiel des FC St. Pauli.

Das Schöne ist ja, dass der Markt für religiöse und quasi-religiöse Angebote inzwischen ziemlich liberalisiert wurde. Die Monopolzeit der katholischen Kirche ist durch die Reformation und den damit verbundenen Markteintritt diverser protestantischer Angebote beendet worden, auch wenn es schwer war (wie es immer ist), das Monopol zu knacken. Heute gibt es ein sehr vielfältiges Angebot, das weit über das hinausgeht, was traditionell als Kirche oder Glaubensgemeinschaft bezeichnet wird. Der Markt hat sich erheblich ausgeweitet durch den inter-modalen Wettbewerb verschiedener Angebote und ist heute wohl intensiver denn je. Die fehlende Innovationskraft der traditionellen Anbieter hat dabei dazu geführt, dass sich neue Anbieter breit machen, eben von Yoga über die Öko-Bio-Bewegung (der Grünenparteitag hat – wie wohl Parteitage anderer Parteien auch  – etwas stark religionsähnliches) und fernöstliche Religionsangebote hin zum Fußball. Jeder einzelne wird tendenziell das Religionsähnliche seiner Leidenschaft verneinen (die Fußballfans vielleicht noch am wenigsten, aber in Kunstkreisen z. B. scheint mir das Quasi-Religiöse oft viel wenig reflektiert zu sein), aber die Ähnlichkeiten sind doch frappierend. Der Markt ist heute vielfältiger und daher auch zersplitterter – als liberaler Mensch finde ich das prinzipiell ziemlich gut.

Die Ähnlichkeiten der Huldigung von Fußball heute und Religion früher sind kein Zufall, die Ähnlichkeiten augenscheinlich. Das „Schalke unser“ macht es besonders deutlich, aber auch sonst zeigen sich viele Parallelen. Dazu gehört das strikte Einhalten von Riten, das gemeinsame Absingen von Chorälen, die spezielle Kleidung, das Tragen und Aufbewahren von Devotionalien – viele quasi-religiöse Erlebnisse eben. Beim Einzug der Priester/Spieler ist genau vorgegeben, was zu tun und zu lassen ist. Wie in der Kirche gibt es die besonders orthodoxen wie etwa Ultras, die weniger gläubige mit einer gewissen Verachtung strafen. Ebenso werden Anhänger anderer religiöser Gruppen/Fußballvereine – je nach Intensität der Leidenschaft – mehr oder weniger tolerant behandelt. Das Singen falscher Lieder ist eine Art Ketzerei. Dass ein „echter“ Schalke-Fan eine „echte“ BVB-Anhängerin heiratet dürfte für viele schwerer vorstellbar sein, als dass ein Protestant eine Katholikin heiratet (eigentlich kein Problem heute). Die Funktion, soziale Netze zu bilden und so Sozialkapital aufzubauen wie es ein Ökonom sehen würde, haben Fußball-Fangemeinschaften heute ebenso wie früher die Kirchen. Und die wirklich orthodoxen Fans fahren natürlich wallfahrtsähnlich zu vielen Auswärtsfahrten, heiraten ggf. sogar im Stadion, wie ein ehemaliger Mitarbeiter von mir das getan hat.

Auf St. Pauli (ironischer Weise direkt nach dem Heiligen Sankt Paulus benannt) werden wir gleich auf dem Heiligengeistfeld (nochmal Religion), auf dem übrigens 3x im Jahr auch der Hamburger Dom steht, unserer sonntäglichen Quasi-Religionsausübung nachgehen, unsere Choräle singen. Ich freue mich darauf, weiß aber auch, dass es so etwas wie mein Religionsersatz ist. Die Lieder sind zwar nicht mehr ganz so ironisch und witzig wie zu den Zeiten als Volker Ippig noch, zurückgehrt aus Nicaragua, in der Hafenstraße wohnte („Volker hört die Signale“, „Eine Abwehr aus Beton, so wie einst der Vietkong, und so zogen wir in die Bundesliga ein, und wir werden niemals deutscher Meister sein – St. Pauli, St. Pauli..“ oder – nach der Räumung der Hafenstraße – „wer hat uns verraten – Sozialdemokraten, wer verrät uns nie – St. Pauli“) – aber es macht immer noch einen Riesenspaß. Also auf jetzt zum Heiligengeistfeld…

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