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Was ist ein Mietmaul?

13 Sep

Meine neuen Freunde aus der Solarbranche fragen sich, ob ich ein „Mietmaul“ bin, z. B. hat Franz Alt das hier auf seiner Seite publiziert oder meine Kollegin Claudia Kemfert fragt sich das hier per Retweet bei Twitter und viele andere haben das auch retweetet.

Ich bin bei keiner Redneragentur gelistet (zumindest weiß ich nichts davon) und werde auch von keiner Redneragentur vermarktet. Es ist also nicht so einfach, mein „Maul“ zu mieten.

Bei zahlreichen Redneragenturen gelistet und von diesen vermarktet werden aber Claudia Kemfert (Auswahl hier, hier, hier) und Franz Alt (Auswahl hier, hier, hier).

Ich habe gar nichts dagegen. Ich finde es aber irgendwie witzig.

PS: Dass ich entgegen einiger Vermutungen nicht für meine Äußerungen oder gar Meinung zum EEG von der INSM bezahlt wurde oder werde, habe ich ja schon hier dargelegt. Und zu den Vor- und Nachteilen des Quotenmodells äußere ich mich am Wochenende ausführlich, heute lag zu viel Anderes an.

Meine neuen Freunde von Eurosolar

12 Sep

Spätestens seitdem die Monopolkommission am 5. September ihr Sondergutachten zum Energiemarkt veröffentlicht hat, scheint einigen Freunden der Solarwirtschaft die Düse zu gehen. In Ermangelung sachlicher Argumente sind einige (ok, wenige) nun dazu übergegangen, auf Vernebelung, Diffamierung, Nebelkerzen und Blendgranaten zu setzen – das Ganze gewürzt mit einer ordentlichen Prise Verschwörungstheorie.

Von manchem Bundestagsabgeordneten sind die Lobbyisten der Solarenergie wegen ihrer „Informationspolitik“ bereits als „Solarmafia“ bezeichnet worden – ich verstehe jetzt auch besser, warum (fand ich sehr, sehr, sehr lesenswert, was Dr. Joachim Pfeiffer dazu auf abgeordnetenwatch schreibt).

Dr. Fabio Longo von Eurosolar stellt nun (hier) in ziemlich suggestiver Weise die Frage, „ob und – wenn ja – in welchem Dienstleistungsverhältnis Prof. Dr. Haucap für INSM das WEE-Quotenmodell erarbeitet hat.“ Als Grund für diese Spekulation wird herangezogen, dass ich im ÖkonomenBlog der INSM schreibe (stimmt, ist auch kein Geheimnis, ich schreibe ja nicht unter Pseudonym – mein Honorar dafür ist übrigens = null) und Studien für die INSM angefertigt habe. Die beiden Studien, um die es geht (leicht auch auf der INSM-Seite zu finden), sind (1) eine Studie zum (fehlgeleiteten) Wettbewerb zwischen Apotheken von Februar 2011 (dafür habe ich mich auch schon von einigen Apothekern (ja, der „FDP-Klientel“) ordentlich verunglimpfen lassen, allerdings nicht so perfide) und (2) ein Buch von 2010 über überflüssige Behörden in Deutschland wie etwa die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Der geübte Verschwörungstheoretiker schließt daraus: Aha, er hat mit der INSM zu tun, also hat Haucap auch das Quotenmodell der Monopolkommission im Auftrag der INSM erarbeitet und gibt es bloß nicht zu. Das ist nun echt an Absurdidät kaum zu überbieten. Damit es schwarz auf weiß hier steht: Ich habe an der Entwicklung des WEE-Modells für die INSM nicht mitgewirkt. (Man kann immer noch diskutieren, was denn wäre, wenn ich es doch getan hätte, aber es war ja gar nicht so….).

Wer lesen kann und will, wird auch schnell merken, dass das Quotenmodell der Monopolkommission nicht unähnlich (allerdings nicht identisch) ist zum Modell das Jürgen Kühling und ich für den Freistaat Sachsen erarbeitet haben (publiziert hier), das wir nun wahrlich nicht versucht haben, geheim zu halten. Im Gegenteil: Eine Kurzform ist schon vor einiger Zeit (mit Verweis auf das Gutachten) in den Energiewirtschaftlichen Tagesfragen publiziert worden. Auch in der FAZ haben wir das ja schon breit vorgestellt.

Der vorgebliche Interessenkonflikt, dem ich ausgesetzt sein soll, weil ich ohne jegliches Entgelt oder Honorar o.ä. im ÖkonomenBlog der INSM schreibe (aber natürlich auch in vielen anderen Medien) und für die INSM Studien über Behörden (2010) und Apotheken (2011) gemacht habe (und zwar auch noch bevor die INSM ihr WEE-Modell entwickelt hat) und zugleich der Monopolkommission angehöre, ist daher im schlimmsten Fall bewusst unter Weglassen der Details so konstruiert, im besten Fall der Alltagshektik geschuldet, in dem die Zeit für eine ordentliche Recherche oder Nachfrage fehlt.

Im Übrigen würde ich auch für jedes Gewerkschaftsmagazin schreiben und auch für „Solarzeitalter“, aber letztere Zeitschrift wird meine Meinung sicher lieber nicht abdrucken wollen.

Dass meine Kollegin Claudia Kemfert, momentan SPD-Wahlkämpferin und auch Abteilungsleiterin am DIW Berlin (wo ich selbst seit 2005 Forschungsprofessor bin), diesen Interessenkonflikt bei mir auch auszumachen scheint (sie hat den Vorwurf stante pede retweetet, gestern und heute), hat mich ehrlicherweise etwas irritiert, ist aber vielleicht einer hektischen Wahlkampfzeit in Hessen geschuldet, vermute ich, wo auch ihre „Twitter-Freunde“ Stephan Grüger (@gruegers – wohl auch gerade im Wahlkampf) und Dr. Fabio Longo (@longoFL – nicht mehr im Wahlkampf (?)) von Eurosolar beheimatet sind.

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Gestern erreichte mich im Übrigen folgende Anfrage einer Redakteurin von klimaretter.info:

Sehr geehrter Herr Professor Haucap,

der Interessenverband Eurospolar kritisiert Ihre gleichzeitige Tätigkeit für die Monopolkommission und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft:
http://www.eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=1777&Itemid=285

Wir möchte Ihnen hiermit Gelegenheit geben, dazu Stellung zu nehmen. Sehen Sie Interessenkonflikte zwischen einer Tätigkeit in der Monopolkommission und Auftragsarbeiten für die INSM? Ist die Übereinstimmung zwischen den Vorschlägen der Monopolkommission und dem Positionspapier des Wettbewerbsmodells EE (WEE) der INSM zufällig oder haben Sie an letzterem mitgearbeitet?

Vielen Dank für Ihre Antwort und beste Grüße

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Ich habe dann sehr schnell folgende Antwort geschickt:

Hallo Frau … –

Das ist ja nett, dass Sie mir die Möglichkeit zur Stellungnahme geben. Nach allem, was ich inzwischen über die von anderen so bezeichnete „Solarmafia“ gehört habe, hätte ich das schlichtweg für unmöglich gehalten.

Zu Ihren Fragen:

1. Ich habe am WEE-Modell der INSM nicht mitgearbeitet. Im Übrigen hat sich die Monopolkommission bereits in ihrem Sondergutachten Energie 2011 vor zwei Jahren für ein Quotenmodell ausgesprochen und das war meines Wissens, deutlich bevor die INSM ihr WEE-Modell ausgearbeitet hat. Ich habe jedoch zusammen mit meinem Kollegen Jürgen Kühling (Regensburg) im Auftrag des Freistaats Sachsen (also die öffentliche Hand) ein Konzept für ein Quotenmodell erarbeitet, das ist auch publiziert und beileibe nicht geheim, sondern öffentlich absolut bekannt: http://www.energie.sachsen.de/download/Sachsen-Quotenmodell.pdf Es wurde auch schon vorher kritisch diskutiert von VKU etc., allerdings 1000x sachlicher als jetzt von Eurosolar: http://www.vku.de/energie/energieerzeugung/erneuerbare-energien/erneuerbare-quote-fuer-energieversorger.html?Fsize=0&p=1

2. Ich schreibe im INSM ÖkonomenBlog ohne jedes Honorar o.ä., als ein Autor unter sehr vielen. Auch das ist bekannt, da ich ja nicht unter Pseudonym schreibe. Ich schreibe auch in vielen anderen Medien, gern auch bei Ihnen, wenn Sie mir Platz geben. Ich repräsentiere die INSM in keinem Gremium o.ä. und stehe auch in keinem „ständigen Dienst- oder Geschäftsbesorgungsverhältnis“.

3. Ich habe für die INSM (mit Ko-Autoren) eine Studie zur Neuordnung des Apothekenwesens gemacht, publiziert Anfang 2011 (damit habe ich mir im Übrigen ganz sicher keine Freunde bei der FDP gemacht, das wird ja auch von einigen so kolportiert), sowie 2010 ein Buch über überflüssige Behörden in Deutschland. Das ist beides ziemlich weit weg von Energiepolitik aus meiner Sicht. Zudem kann ich mich nicht erinnern, dass die INSM Energiepolitik damals (war ja beides im Übrigen auch vor Fukushima) schon auf der Agenda gehabt hätte. Wie aus den damaligen Studien für die INSM über Apotheken und Behörden ein Interessenkonflikt im Bezug auf die heutige EEG-Position entstehen kann, weiß ich nicht – zumindest sehe ich den nicht.

4. Ich weiß, dass es in der Solarindustrie um richtig viel Geld geht. Dennoch finde ich die Vorgehensweise von Eurosolar extrem befremdlich.

Sollten Sie noch Fragen haben, melden Sie sich doch bitte wieder bei mir.

Viele Grüße

Justus Haucap

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Damit war die Sache anscheinend erledigt, denn es gab keinerlei Feedback mehr dazu, was auch ok ist. Vermutlich war das Ganze war für die Redakteurin dann doch langweiliger als gedacht….

Ein Freund der Photovoltaik hat stattdessen heute noch einmal in bester „aufklärerischer“ Manier hier nachgelegt.

Das wurde auch wieder ordentlich retweetet. Von dieser „Informationspolitik“ kann man einiges lernen, ich zumindest. Nachahmen möchte ich das lieber nicht. Als in der Tat liberaler Ökonom bin ich nach wie vor der festen Überzeugung, dass der Zweck niemals die Mittel heiligt.

PS: Auf die Argumente gegen das Quotenmodell (Monopolisierung, zu teuer etc.) werde ich getrennt eingehen, einiges haben wir aber auch im Sondergutachten diskutiert.

Ökonomische Spitzenforschung und Politikberatung

12 Aug

Die Beziehung zwischen ökonomischer Spitzenforschung und wirtschaftspolitischer Beratung in der Ökonomie interessiert mich schon lange, im Zuge des sog. Ökonomenstreits hatte ich mich schon 2009 bei carta ausführlich dazu geäußert, was die Ökonomik für die Gesellschaft leisten kann und, aus meiner Sicht, sollte, ebenso im ifo Schnelldienst. Meine Wahrnehmung ist die, dass (a) eine gewisse Arbeitsteilung zwischen Grundlagenforschung und der (angewandten) wirtschaftspolitischen Beratung ziemlich sinnvoll ist, zugleich aber (b) aus Sicht der deutschen Steuerzahler/innen eher zuviel in Grundlagenforschung und zuwenig in die Erforschung der konkreten Anwendungen, also die wirtschaftspolitische Beratung, investiert wird.  Eventuell mag dies ein Sonderproblem der Industrieökonomik sein, in der ich mich am besten auskenne, aber ich befürchte, dass das Problem allgemeiner ist. In der Industrieökonomik jedenfalls fehlen uns auf keinen Fall brilliante Theoretiker, sondern akademische Experten für viele Märkte. In den USA gibt es Top-Forscher, die ganz genau die Details des Luftverkehrwesens, des Radiomarktes, des Biermarktes, des Gasmarktes, des Lebensmitteleinzelhandels, des Krankenhauswesens etc. pp kennen. Bei uns gibt es das in Einzelfällen auch, aber es ist doch eher selten. Ich empfinde das als Defizit.

Weil aber die Debatte oftmals eher durch eigene Erfahrungen und Introspektion geprägt ist, hat damals Michael Mödl unter meiner Betreuung eine (exzellente) Diplomarbeit geschrieben, um die Debatte etwas besser empirisch zu unterfüttern. Einige Kernresultate haben wir schon 2010 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Kiel vorgestellt (Präsentation hier), zwei Jahre später dann noch einmal bei der „Ersten Pluralistischen Ergänzungsveranstaltung zur VfS Jahrestagung“ 2012 in Göttingen (im Übrigen vermutlich das einzige Papier, das auf Veranstaltungen vorgestellt wurde). Anfang des Jahres haben wir das Ganze dann endlich als Arbeitspapier in unserer DICE-Reihe „Ordnungspolitische Perspektiven“ publiziert, im Laufe des Jahres soll der Beitrag in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik erscheinen.

Der Wirtschaftsdienst hat jetzt im August ein sehr interessantes Zeitgespräch zum Thema „Entwickeln sich wirtschaftswissenschaftliche Forschung und Politikberatung auseinander?“ publiziert, in dem wir noch einmal unsere Ergebnisse kurz darlegen, aber vor allem sehr interessante Perspektiven von Christoph M. Schmidt, Nils aus dem Moore, Michael Themann, Wolfram F. Richter, Marcel Fratzscher, Gert G. Wagner, Werner Güth, Hartmut Kliemt, und Willi Koll zu finden sind.