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Was kommt nach dem Abitur? VWL?

6 Jan

An meiner ehemaligen Schule, dem Artland Gymnasium Quakenbrück, wird eine Art Jahrbuch herausgegeben, das den Titel „Einblicke“ trägt. In diesem Jahrbuch wird natürlich über die Ereignisse des vergangenen Jahres berichtet. Darüber hinaus wird aber auch immer eine ehemalige Schülerin bzw. ein ehemaliger Schüler gebeten, Tipps für die Zeit nach dem Abitur zu geben. Im letzten Jahrbuch durfte ich nun meine Ratschläge ausbreiten. Folgendes habe ich dazu (als VWL-Professor) geschrieben:

Eine der wesentlichen Annahmen der Volkswirtschaftslehre ist, dass es viele Wege zum Glück gibt und man es daher den Menschen, soweit es geht, selbst überlassen sollte, wie sie ihr Leben leben wollen und welche Wege zum Glück sie ausprobieren wollen. Als heutiger Professor für Volkswirtschaftslehre tue ich mich daher etwas schwer, pauschal Empfehlungen abzugeben, was man tun und lassen sollte und was nicht, um glücklich zu werden oder erfolgreich zu sein.

Diese Publikation heißt aber ja auch „Einblicke“, daher kann ich Einblicke in zwei Dinge geben: Wie bin ich Professor geworden und womit beschäftigen sich eigentlich Volkswirte?

Ich glaube (fast) niemand plant nach dem Abitur, Professor oder Wissenschaftler zu werden. Dass man das gern möchte, merkt man erst später. Die wichtigste Grundlage ist, dass man etwas studiert, das einen absolut begeistert, von dem man selbst immer mehr wissen möchte und das man selbst immer besser verstehen will. So war es mit dem VWL-Studium bei mir. Irgendwann im Studium habe ich gemerkt, dass ich noch ganz viel nicht wusste, obwohl ich kurz vor dem Diplom stand. Daher habe ich dann beschlossen zu promovieren und weiter an der Universität zu bleiben. Im Zuge der Promotion habe ich dann gemerkt, dass das noch immer nicht ausreicht und ich fast nichts lieber mache, als gesellschaftlichen Zusammenhängen auf den Grund zu gehen, zu versuchen die Funktionsweise von Märkten und Politik oder auch ganz alltäglichem Verhalten zu verstehen. Da wurde mir klar, dass es für mich nichts Schöneres geben würde als Wissenschaftler und Hochschullehrer zu werden. Man darf nachdenken, worüber man will, und kann seine Ideen permanent mit anderen schlauen Leuten auf der ganzen Welt diskutieren, das ist ein großer Luxus. Bevor man diesen Luxus auch wirklich genießen darf, muss man allerdings auf einen Lehrstuhl berufen werden. Das hatte ich mit 34 Jahren erreicht, es dauert aber oft auch länger, und in der Zeit davor gibt es eigentlich nur zeitlich befristete Verträge ohne eine echte Sicherheit. Die Karriere ist daher ziemlich riskant – wer nicht auf einen Lehrstuhl berufen wird, muss sich etwas Anderes suchen. Nur wer wirklich für eine Wissenschaft brennt, wird daher dieses Risiko eingehen. Aber deswegen werden auch nur die absoluten Enthusiasten Wissenschaftler und Professoren.

Die VWL hat mich so gepackt, weil man dort versucht, gesellschaftliche Zusammenhänge – sowohl auf Märkten als auch in der Politik – zu verstehen und, aufbauend auf diesem Verständnis, Empfehlungen zu entwickeln, wie man diese Verhältnisse ggf. verbessern kann. Eigentlich sind Volkswirte somit, zumindest insgeheim, alle irgendwie Weltverbesserer und Idealisten. Zwischen BWL und VWL besteht der wesentliche Unterschied, dass es bei der BWL primär um das Management von Unternehmen (in all seinen Facetten) geht, während es in der VWL letztlich um (wirtschafts-)politische Fragen geht. Das sind zum einen die ganz großen Fragen wie etwa was man gegen Armut in der Welt tun kann, wie man Wirtschaft und Verbraucher am besten dazu bringen kann, umweltfreundlich zu produzieren und zu konsumieren, ohne dass unnötig Arbeitsplätze verloren gehen, oder wie man Arbeitslosigkeit erfolgreich bekämpfen kann. Aber es geht auch um kleinere Frage wie z.B. warum eine Legalisierung von Drogen eigentlich besser ist als die Prohibition, warum bei Bahn und Post so wenig Wettbewerb herrscht und was man dagegen tun kann oder wie man Banken regulieren sollte. Wer diese Fragen spannend findet, für den ist VWL das Richtige.

In der Volkswirtschaftslehre geht es dann ziemlich mathematisch zu, das wundert viele zunächst. Anders als in Teilen der Philosophie oder auch der Politikwissenschaft glauben Volkswirte nicht, dass man die Welt wirklich gut verstehen kann, indem man (nur) schlaue Bücher liest (das muss man allerdings auch). Vielmehr ist die VWL sehr zahlengetrieben, sie ist im Kern eine empirische Sozialwissenschaft. Ich kann z. B. trefflich herumphilosophieren, wie ungerecht es ist, dass die Strompreise so hoch sind oder die meisten Menschen in Afrika so arm. Und ich kann mir meine Gedanken darüber machen, ob ein Mindestlohn (und welcher dann) für Bauarbeiter gerecht ist oder nicht. Als Volkswirt guckt man dann aber gern auf die Zahlen. Welche konkreten Effekte hat die Entwicklungshilfe? Was kostet die Energiewende tatsächlich? Wie hat sich die Beschäftigung im Baugewerbe nach Einführung des Mindestlohns wirklich entwickelt? Um dann herauszufinden, ob die beobachtete Entwicklung an der Einführung eines Mindestlohns liegt oder ganz andere Gründe hat (wie z. B. die allgemeine Konjunktur , die Abschaffung der Eigenheimzulage oder noch andere Gründe), benötigt man ausgeklügelte statistische Verfahren (wir nennen das Ökonometrie). Und das ist schon ziemlich mathematisch. Wer also gar nichts mit Zahlen anfangen kann, für den ist die VWL nichts. Wer keine Angst vor Mathematik hat und zugleich verstehen will, wie die Gesellschaft funktioniert, für den ist VWL eine tolle Sache.

Ich habe heute das Glück, als Wissenschaftler an der Universität forschen und lehren zu dürfen. Das ist ein bisschen so wie ein Profisportler oder ein Berufsmusiker. Man kann sein Hobby zum Beruf machen. Ich würde daher eigentlich jedem empfehlen, nach dem Abitur etwas zu machen, was einem echt total Spaß macht. Wenn es aber so etwas nicht gibt, dann würde ich empfehlen, BWL,  Jura oder Medizin zu studieren, das ist immerhin eine relativ sichere Sache, was die Jobaussichten angeht, und man verdient auch ganz ordentlich. Und glücklich werden kann man so auch, denke ich als Ökonom, aber das muss letztlich eben jeder für sich selbst wissen.

Ökonomische Spitzenforschung und Politikberatung

12 Aug

Die Beziehung zwischen ökonomischer Spitzenforschung und wirtschaftspolitischer Beratung in der Ökonomie interessiert mich schon lange, im Zuge des sog. Ökonomenstreits hatte ich mich schon 2009 bei carta ausführlich dazu geäußert, was die Ökonomik für die Gesellschaft leisten kann und, aus meiner Sicht, sollte, ebenso im ifo Schnelldienst. Meine Wahrnehmung ist die, dass (a) eine gewisse Arbeitsteilung zwischen Grundlagenforschung und der (angewandten) wirtschaftspolitischen Beratung ziemlich sinnvoll ist, zugleich aber (b) aus Sicht der deutschen Steuerzahler/innen eher zuviel in Grundlagenforschung und zuwenig in die Erforschung der konkreten Anwendungen, also die wirtschaftspolitische Beratung, investiert wird.  Eventuell mag dies ein Sonderproblem der Industrieökonomik sein, in der ich mich am besten auskenne, aber ich befürchte, dass das Problem allgemeiner ist. In der Industrieökonomik jedenfalls fehlen uns auf keinen Fall brilliante Theoretiker, sondern akademische Experten für viele Märkte. In den USA gibt es Top-Forscher, die ganz genau die Details des Luftverkehrwesens, des Radiomarktes, des Biermarktes, des Gasmarktes, des Lebensmitteleinzelhandels, des Krankenhauswesens etc. pp kennen. Bei uns gibt es das in Einzelfällen auch, aber es ist doch eher selten. Ich empfinde das als Defizit.

Weil aber die Debatte oftmals eher durch eigene Erfahrungen und Introspektion geprägt ist, hat damals Michael Mödl unter meiner Betreuung eine (exzellente) Diplomarbeit geschrieben, um die Debatte etwas besser empirisch zu unterfüttern. Einige Kernresultate haben wir schon 2010 auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Kiel vorgestellt (Präsentation hier), zwei Jahre später dann noch einmal bei der „Ersten Pluralistischen Ergänzungsveranstaltung zur VfS Jahrestagung“ 2012 in Göttingen (im Übrigen vermutlich das einzige Papier, das auf Veranstaltungen vorgestellt wurde). Anfang des Jahres haben wir das Ganze dann endlich als Arbeitspapier in unserer DICE-Reihe „Ordnungspolitische Perspektiven“ publiziert, im Laufe des Jahres soll der Beitrag in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik erscheinen.

Der Wirtschaftsdienst hat jetzt im August ein sehr interessantes Zeitgespräch zum Thema „Entwickeln sich wirtschaftswissenschaftliche Forschung und Politikberatung auseinander?“ publiziert, in dem wir noch einmal unsere Ergebnisse kurz darlegen, aber vor allem sehr interessante Perspektiven von Christoph M. Schmidt, Nils aus dem Moore, Michael Themann, Wolfram F. Richter, Marcel Fratzscher, Gert G. Wagner, Werner Güth, Hartmut Kliemt, und Willi Koll zu finden sind.

Globalisierung an der Uni

8 Mai

In dieser Woche hatten wir Berufungsvorträge für eine Juniorprofessur für VWL mit einem mikroökonomischen Schwerpunkt. Von den 38 eingegangenen Bewerbungen (davon 13 Bewerberinnen) haben wir letzten Endes drei Kandidatinnen und zwei Kandidaten zu Berufungsvorträgen eingeladen. Das Spektrum zeigt aus meiner Sicht ziemlich gut, wie international die VWL mittlerweile auch in Deutschland geworden ist. Die fünf Kandidaten und Kandidatinnen können rein äußerlich wie folgt charakterisiert werden (die Vorträge sind zwar hochschulöffentlich und somit nicht geheim, aber ich nenne jetzt mal keine konkreten Namen hier im Blog).

  • eine deutsche Bewerberin, die momentan an einer belgischen Uni forscht,
  • ein griechischer Bewerber, der momentan in Griechenland forscht,
  • eine litauische Bewerberin, die aktuell in Holland forscht,
  • eine polnische Bewerberin, die aktuell in Deutschland forscht, und
  • ein griechischer Bewerber, der aktuell in Deutschland forscht.

Ob es Zufall war oder ein Resultat der schlechten Situation in Griechenland, dass wir von dort zwei so gute Bewerbungen haben, vermag ich anhand einer einzigen Stichprobe kaum zu sagen, finde es aber spannend. Auf jeden Fall besteht unsere Auswahl somit ja aus einer Deutschen, die aber aktuell im Ausland ist, und vier Ausländern, von denen zwei in Deutschland und zwei im Ausland forschen. Für die Wissenschaft ist die Globalisierung so betrachtet ein absoluter Segen. Und unter dem Aspekt des „Diversity Managements“ wäre wohl jeder Personalchef stolz auf unsere Auswahl. Wir sind es auch – aber nicht so sehr wegen der „Diversity“, sondern wegen der hohen Qualität der Bewerberinnen und Bewerber. Die Globalisierung erhöht auch in Academia den Wettbewerbsdruck, und der wirkt auch hier qualitätsfördernd, sogar an staatlichen Universitäten!

Hurra, Hurra, der Edgeworth Blog(s) ist da….

26 Apr

Ich starte jetzt meinen eigenen Blog, habe ich mir überlegt. Der Wirtschaftsphilosoph hat sich ja leider aus der Blogger-Szene verabschiedet und seinen Blog eingestellt, sehr zu meinem Bedauern. Da fehlt also etwas.

Und unser Düsseldorfer M-Blog, den Ralf Dewenter aus Ilmenau mitgebracht hatte, wird im Sommer wohl mit ihm an die HSU Hamburg ziehen.

Zeit also, einen eigenen Blog zu starten. Ich habe bisher ja schon ab und zu in verschiedenen Blogs geschrieben, neben dem erwähnten M-Blog bei Carta (da ging es los,  dank Robin Meyer-Lucht), im ÖkonomenBlog der INSM, im Markt-Ruf der Stiftung Marktwirtschaft und gelegentlich auch noch an anderen Stellen. Das soll auch so bleiben, aber Gedanken über die Ökonomie an Hochschulen (wie bis vor Kurzem beim Wirtschaftsphilosophen), Berlin und St. Pauli, Essen und Trinken, etc. passen da ja nicht so richtig rein. Das kann ich jetzt hier machen. Es soll also eine Mischungs aus allem Möglichen sein, von dem ich glaube, dass es interessant sein kann. Wettbewerb, Kartellrecht und die ökonomischen Themen in den Netzwirtschaften werden natürlich ganz oben stehen.

Meine Idee ist es, auch Gastautoren einzuladen, aus dem Umfeld des DICE und meinem sonstigen Umfeld. Über meinen Twitter-Account werde ich regelmäßig auf aktuelle Beiträge hinweisen. Ich hoffe, einen nicht ganz so kurzen Atem zu haben – mal sehen, wie das so ist.

Cheers, Justus Haucap