Tag Archives: Energiewende

EEG-Reform abgesagt, weiter so wie bisher, bis 2018 wurschteln wir uns noch durch, aber zentral geplant.

11 Nov

Die Kanzlerin hat eine grundlegende Reform des EEG vor der Wahl angekündigt und nach der Wahl die Reform des ordnungspolitischen Rahmens, in dem die Energiewende stattfinden soll, als das große Projekt der neuen Koalition angekündigt, an dem die Koalition sich messen lassen soll. Alles in allem bin ich enttäuscht, um nicht zu sagen entsetzt, von der Hasenfüßigkeit der Großen Koalition. Nach einer großen Reform der Energiewende sieht das nun beileibe nicht aus – im Großen und Ganze weiter so wie bisher, ist das Motto.

Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit seien gleichrangige Ziele zu Klima- und Umweltverträgichkeit, heißt es. Allerdings fehlen für die Ziele Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit nach wie vor jegliche Zielvorgaben, während im Bereich des Ausbaus der Erneuerbaren Energien detailliert Zahlen genannt werden. Das suggeriert, dass die beiden Ziele Bezahlbarkeit und Verlässlichkeit nach wie vor faktisch nicht ernst genommen werden. Welcher Strompreis wird noch als akzeptabel angesehen? 30 cent/kwh? 40 cent/kwh? Welche EEG-Umlage wäre noch ok? 10 cent? 8 cent? egal? Wie viele Stromausfälle oder „lost load“ können wir pro Jahr tolerieren? Dazu findet sich nichts. So wird man stets behaupten können, das Ziel erreicht zu haben. Im Wesentlichen geht es hier um Kosmetik.

Der gesamte Ansatz ist insgesamt überaus planwirtschaftlich angelegt. Markt und Wettbewerb spielen so gut wie gar keine Rolle, fast alles soll ganz genau staatlich vorgegeben werden. Wer wann wo wie und wie viel Strom produzieren und verbrauchen soll – das alles sollte idealerweise zentral geplant werden, so wohl die Grundidee. Eine ernsthafte Reform des EEG wird vermieden, selbst vor einer verpflichtenden Direktvermarktung, meinthalben im Rahmen eines verpflichtenden Marktprämienmodells, für sämtliche Neuanlagen schreckt man zurück, stattdessen soll die weitere Alimentierung fast aller EE-Anlagen auf Kosten der Verbraucher erfolgen, nur noch ausdifferenzierter als heute. Bei Offshore-Wind wird im Wesentlichen nachvollzogen, was ohnehin schon Realität ist. Ein echter Systemwechsel nicht vor 2018, also faktisch vermutlich noch später.

Diese Politik wird ganz sicher nicht Arbeitsplätze und Wertschöpfung in Deutschland sichern, sondern sie nachhaltig gefährden. Und das ist auch das einzig Nachhaltige daran. Für den Klimaschutz wird fast auch nichts getan. Welche Überlegungen gibt es, den Wärmemarkt und den Verkehrssektor in das Europäische Emissionshandelssystem mit einzubeziehen? Wohl keine. Auch eine automatische Rückkopplung zwischen dem Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien und der 2009 festgelegten europaweiten CO2-Obergrenze ist nach wie vor nicht geplant, ein einmaliges Backloading ist alles (das vermutlich genauso einmalig wie viele Rettungspakete, einmalige Steuererhöhungen, und andere einmalig immer wieder wiederholt vorkommende Ereignisse). Das mangelnde Augenmerk auf die CO2-Reduktion zeigt, dass der Ausbau der Erneuerbaren nicht aus Klimaschutzgründen geschehen soll. Ansonsten sollten wir das viele Geld nehmen und den Ausbau von Solaranlagen in Entwicklungsländern finanzieren – dort würden sie nämlich wirklich CO2 einsparen, da diese Länder bisher keine Begrenzung ihres CO2-Ausst0ßes festgelegt haben. Geplant ist zwar die Reduktion der Klimagase in Deutschland um 40 Prozent (im Vergleich zu 1990) bis 2020 – eine verbindliche Begrenzung des CO2-Ausstoßes durch Reduktion/Rückgabe/Aufkauf der CO2-Zertifikate scheint aber nicht geplant. Und dass man mit demselben Geld in anderen Teilen der Welt viel mehr CO2 einsparen könnte, ist den allermeisten ohnehin vollkommen egal, warum auch immer.

Die besten Überlegungen finden sich noch im Bereich Netzentgelte (Änderung der Entgeltstruktur und G-Komponente, wie von der Monopolkommission vorgeschlagen) und stärkeres Einbeziehen der Eigenerzeugung in die EEG-Umlage. Auch die Reform der Ausnahmeregeln ist prinzipiell gut, aber sie trifft nicht den Kern des Problems. Das ist nämlich die Kostenentstehung und nicht die Kostenverteilung. Am Ende muss der Verbraucher das Ganze doch bezahlen, ob als Teil der Stromrechnung, durch teurere Bahntickets oder andere höhere Produktpreise. Wenigstens hat man sich nicht voreilig auf die nächste Subvention in Form von Kapazitätsmärkten geeinigt, aber die kommen sicher auch noch, um die Versorgungssicherheit für verfehlte Kraftwerksinvestitionen zu schaffen.

Alles in allem wird hier gerade die Chance für eine echte Reform, die den Namen auch verdient, verspielt. Schade. Dann eben mit Volldampf in die Energieplanwirtschaft, mit Nationalem Aktionsplan statt mit Fünfjahresplan, wenigstens ein neuer Name für das Ganze.

PS: Geteiltes Leid ist halbes Leid,  einige Kollegen sind laut FAZ nicht weniger entsetzt.

PPS: Mein Interview zum Thema in der Süddeutschen Zeitung.

PPPS: Noch ein Interview zum Thema in Finanz und Wirtschaft (Schweiz).

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Bankgesellschaft Berlin, BER und jetzt die Stromnetze? Nein, danke.

30 Okt

Verstaatlichung hat Hochkonjunktur. Flächendeckend ist zu beobachten, wie sich die Kommunen ein Versorgungsunternehmen nach dem anderen einverleiben. Das Desaster der EnBW-Übernahme durch das Land Baden-Württemberg scheint schon wieder vergessen, ebenso das Drama um den landeseigenen Nürburgring oder den Berliner Bankenskandal rund um die landeseigene Bankgesellschaft Berlin, „deren wirtschaftlicher Zusammenbruch das Land Berlin finanziell in Milliardenhöhe belastet„. Ende September haben die Hamburger nun entschieden: Strom, Gas- und Fernwärmeversorgung soll wieder in die öffentliche Hand. Nun ist Berlin an der Reihe. Dort wird über die rekommnalisierung des Stromnetzes und die Gründung eines eigenen Stadtwerkes abgestimmt. Man erhofft sich sinkende Preise, ökologischen Strom und Gewinne, die den gebeutelten Berliner Haushalt aufbessern sollen.

Zu schön, um wahr zu sein. Ein Sondergutachten der Monopolkommission aus dem Jahr 2011  hat festgestellt, dass in 99 Prozent aller Fälle private Anbieter, und nicht kommunal beherrschte, die günstigsten Anbieter sind. Viele kommunale Versorger setzen hohe Preise, um mit den Überschüssen andere öffentliche Leistungen wie Schwimmbäder oder den öffentlichen Verkehr zu subventionieren.  Die Vorstellung, dass öffentliche Energieversorger automatisch günstiger als private Konkurrenten sind, ist eine romantische Illusion, die sich nicht untermauern lässt. Vielmehr besteht die Gefahr, dass kommunal geführte Unternehmen wirtschaftlich ineffizient geführt werden. Politische Argumente schlagen oft betriebswirtschaftliche. Das Risiko hierfür tragen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.

Der grüne Landtagsabgeordnete Mario Krüger aus NRW hat aufgelistet, wie Ex-Politiker in kommunalen Betrieben alimentiert werden. Kommunale Betriebe drohen zum Selbstbedienungsladen für Politiker zu werden, selbst wenn die Absichten anfangs gut sind.

Ein Irrglaube ist auch, dass durch staatseigene Netze nur Ökostrom fließt. Alle Netzbetreiber sind gesetzlich verpflichtet jeden Strom, ob aus erneuerbaren oder konventionellen Quellen, durch ihr Netz zu leiten.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass unternehmerische Tätigkeiten des Landes Berlin nach dem Desaster der Landesbank Berlin nun auch beim Berliner Flughafen gewaltige Probleme aufwerfen. Warum das Land als Unternehmer bei der Stromversorgung erfolgreicher sein soll, bleibt mir absolut schleierhaft. Das zweimalige unternehmerische Totalversagen der Berliner Politiker sollte uns mahnen, ihnen nicht das nächste Unternehmen anzuvertrauen.

Heute ebenfalls erschienen im Ökonomenblog der INSM.

Die EEG-Umlage: Und sie steigt und steigt und steigt…..

16 Okt

Letztes Jahr habe ich mit Felix Matthes vom Öko-Institut über die EEG-Umlage 2014 gewettet:

Felix Chr. Matthes (@felixmatthes) 12. Oktober 2012: @oekoinstitut Die Zahlen sind ja transparent und wir uns ziemlich sicher. However, die Wette gilt! Was ist der Einsatz, @haucap?

Dazu die Pressemitteilung vom Öko-Institut vom 1.10.2013, wonach sich die Umlage 2014 stabilisieren werde.

Leider habe ich die Wette ja nun doch gewonnen, wie Felix Matthes heute eingeräumt hat:

Habe die Wette mit Justus @haucap zur EEG-Umlage 2014 krachend verloren. Analyse zu Treibern der Umlage & zur EEG-Reform alsbald auf oeko.de — Felix Chr. Matthes (@felixmatthes) October 15, 2013

Die Wirtschaftswoche green hat das heute sogar berichtet.

Ich bin nun gespannt, wie es nach der Koalitionsbildung mit der Ökostromförderung weitergeht. Dazu noch ein paar Anmerkungen meinerseits heute bei Montel, einem norwegischen Energie-Newsdienst. Dass ich ein Quotenmodell für das beste Fördersystem halte, ist kein Geheimnis. Kurzfristig dürften die Chancen dafür aber schlecht sein, zu gewaltig ist da der Lobbyeinfluss von Branchenvertretern. Aber letztlich ist jedes Fördermodell, das zu einer stärkeren Marktintegration führt, besser als das heutige EEG.

Wie wir das Klima mit Stromfressern wie Nachtspeicheröfen retten! Echt.

29 Mai

Der Bundestag hat am 17. Mai 2013 beschlossen, das 2009 beschlossene Verbot von Nachtspeicheröfen zurückzunehmen, weil Nachtspeicheröfen in Zeiten der Energiewende auch als flexible Stromspeicher genutzt werden könnten. Die Abgeordneten der Koalition haben für eine entsprechende Änderung im Energieeinspargesetz (EnEG) gestimmt, die SPD enthielt sich, die Grünen und die Linken haben dagegen votiert (Bericht im Spiegel dazu hier und bei Yahoo! hier). Noch vor vier Jahren hatte die damalige große Koalition aufgrund der hohen CO2-Emissionen eine Novelle des EnEG beschlossen, nach der Nachtspeicherheizungen bis zum 31.12.2019 verboten wurden  – allerdings mit ein paar Ausnahmen für die Hausbesitzer, die in der Vergangenheit einmal verpflichtet wurden, Nachtspeicheröfen einzubauen.

In der Presse wurde dies als Klientelpolitik zugunsten von Immobilienbesitzern und/oder Energiekonzernen (z. B. hier  oder hier) kritisiert. Der Spiegel sprach vom „Nachtspeicher-Irrsinn“ und von einem „Sargnagel für die Klimapolitik“ (und zwar: hier), weil Nachtspeicheröfen Stromfresser sind (was ohne Zweifel richtig ist). Aber es gab auch positive Kommentare (z. B. vom Kollegen André Thess in der Thüringer Allgemeinen), da wir ja Stromspeicher für die Energiewende gut gebrauchen können.

Was viele in der Debatte völlig zu übersehen scheinen, ist folgendes: Das Abschalten der Nachtspeicheröfen und das Austauschen gegen Gasheizungen oder moderne Pellet-Heizungen schädigt das Klima. Warum? Das hört sich doch total paradox an. Und das ist es in gewisser Weise auch, aber es ergibt sich direkt aus der aktuellen Ausgestaltung der Klimapolitik in Europa. Wieso?

Ganz kurz: Die gesamte Stromerzeugung in Europa unterliegt dem Europäischen Emissionshandel (EU ETS (EU Emissions Trading System) oder hier mal etwas vereinfacht als CO2-Handel bezeichnet)  und der damit verbundenen CO2-Obergrenze. Das gesamte Ausmaß an CO2-Emissionen in der EU ist durch den Europäischen Emissionshandel in den davon erfassten Sektoren gedeckelt (genaue Erklärung z. B. hier bei Wikipedia). Die Stromerzeugung gehört zu den erfassten Sektoren, der Wärmebereich – abgesehen vom Heizen mit Strom – dagegen nicht. Heizen per Nachtspeicheröfen ist also, weil es ja durch Strom geschieht, VOLL vom CO2-Handel erfasst. Durch diese Heizungen wird also kein Gramm zusätzliches CO2 in Europa ausgestoßen. Das Heizen mit Gas und Pellets hingegen ist nicht vom CO2-Handel erfasst (dies ist im Übrigen das wirkliche Problem, dass der Wärmemarkt beim CO2-Handel außen vor ist). Wird also ein Nachtspeicherofen durch eine Gas- oder Pellet-Heizung ersetzt, werden CO2-Zertifikate frei, die an anderer Stelle genutzt werden können, um dann dort CO2 auszustoßen, während zugleich durch das Heizen mit Gas oder Pellets mehr CO2 in die Luft gepulvert wird.

So paradox es sein mag: Laufen die Nachtspeicheröfen nun einfach weiter, wird also kein Gramm zusätzliches CO2 in die Luft gepulvert, weil die von der EU festgelegte Obergrenze für den CO2-Ausstoß eben unverändert bleibt. Im Gegenteil: Es wird sogar weniger CO2 in die Luft gepulvert als beim Heizen mit Gas oder Pellets, weil diese beiden Heizformen eben nicht unter die CO2-Obergrenze fallen und nicht vom CO2-Handel erfasst werden. Das Heizen mit Nachtspeicheröfen führt also bei der heutigen Ausgestaltung des EU ETS aufgrund seiner immanenten Logik  in der Gesamtbetrachtung zu einem geringeren CO2-Ausstoß als das Heizen mit Gas oder Pellets. (Dies kann man im Übrigen auch schön nachlesen im Buch meines Kollegen Joachim Weimann über die „Klimapolitik-Katastrophe“).

Es greift  immer weider dieselbe Logik:  Beim Glühbirnenverbot (irrelevant für den CO2-Ausstoß wegen EU ETS), EEG (irrelevant für den EU-weiten CO2-Ausstoß wegen EU ETS) oder Atomausstieg (irrelevant für den EU-weiten CO2-Ausstoß wegen EU ETS). Im Falle des Atomausstiegs hat sich im Übrigen auch der Präsident des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, diese Argumentation (zurecht) einmal zu eigen gemacht (siehe z. B. hier im Handelsblatt). Jedoch gilt die Logik des Emissionshandels nicht nur für den Atomausstieg, sondern natürlich auch bei Glühbirnenverbot, Nachtspeicheröfen und EEG. Der CO2-Ausstoß wird durch die im EU ETS festgelegte Obergrenze an CO2 begrenzt.  Weil aber die Stromerzeugung vom EU ETS erfasst ist, das Heizen mit Gas und Pellets aber nicht, führt das Abschalten von Nachtspeichern und ein Umstellen auf Gas und Pellets – so paradox das ist – zu mehr CO2-Emissionen.

Reformbedarf besteht daher beim Europäischen Emissionshandel. Der Wärmemarkt sollte hier komplett mit einbezogen werden, also auch das Heizen mit Öl, Gas und Pellets (ebenso wie übrigens der gesamte Verkehrsbereich). Dies lässt sich bei den Endverbrauchern zwar schwer bewerkstelligen, könnte aber zumindest bei Öl und Gas auf der Großhandelsstufe ansetzen. Dann würde man auch keine Verbote benötigen – der unterschiedliche CO2-Ausstoß würde sich in unterschiedlichen Kosten für die verschiedenen Heizformen widerspiegeln. Das mangelnde politische Interesse an einer Reform des Europäischen Emissionshandels zeigt jedoch – leider, leider – wie gering das politische Interesse an echtem Klimaschutz ist.

Was die drastische Kritik im Spiegel an der Aufhebung des Verbots an  Nachtspeicherheizungen angeht – da sollte Spiegel-Redakteur Alexander Neubacher („Ökofimmel“) vielleicht seinem Kollegen Stefan Schultz mal ein Exemplar seines Buches spendieren. 😉