Wissenschaftlich bewiesen: Angela Merkel ist nicht schuld an Cascadas Misserfolg

20 Mai

Was gibt es für einen Wettbewerbsökonomen Schöneres als einem echten Wettbewerb live zuzusehen, dachte ich mir und habe mir den Eurovision Song Contest (#ESC2013) am Sonnabend angesehen (wie auch in den Jahren zuvor). Mein muskialischer Favorit war ja der norwegische Beitrag von Margaret Berger, aber ihre Botschaft „I feed you my love“ hat mir insgesamt weniger gut gefallen als die griechischen Pogues aka Koza Mostra & Agathonas Iakovidis mit „Alcohol is Free“.

Das Interessante am ESC 2013 war aber weniger der Ausgang des Wettbewerbs als der anschließende Interpretationsversuch von ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber für das schlechte Abschneiden der deutschen Kandidatin Natalie Horler aka Cascada. „Ich will nicht sagen, 18 Punkte für Angela Merkel. Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne“, so Schreiber wörtlich (siehe z. B. auch stern.de, Spiegel Online oder der britische Telegraph, der Peter Uban mit einer ähnlichen Vermutung zitiert). Dass Angela Merkel und such Deutschland als solches sich in Europa nicht nur Freunde schaffen durch die Austeritäts-Politik und den Euro-Rettungskurs, ist wohl richtig. Dass sich dies aber in der Punktevergabe der 38 anderen Teilnehmerländer widerspiegelt und Natalie Horler stellvertretend für Angela Merkel abgestraft wurde, erscheint vielen Leuten doch zunächst recht bizarr (so z.B. auch dezidiert Spiegel Online).

In der Tat scheint das ein einfacher Blick auf die Länder zu zeigen, aus denen Natalie Horler Punkte bekommen hat (nette Grafik dazu hier). Neun Punkte kamen aus Euro-Ländern (sechs aus Österreich und drei aus Spanien – ok, vermutlich Mallorca) und neun aus Nicht-Euro-Ländern (fünf aus Israel, drei aus Albanien und einer aus der Schweiz). Überhaupt nahmen neben Deutschland nur 14 weitere Euro-Länder (inkl. San Marino) teil – Luxemburg, Portugal und die Slowakei waren nicht dabei, die große Mehrheit, nämlich 24 Teilnehmer, kam nicht aus Euro-Ländern. Dass die deutsche Austeriätspolitik in Weißrussland, Aserbaidschan oder auch Dänemark und Großbritannien die Stimmabgabe merklich beeinflusst haben soll, ist wohl eher (a) ein nett gemeinter, aber doch misslungener Trostversuch für Natalie Horler und vor allem (b) ein Ablenkungsmanöver von der eigenen Unfähigkeit in der ARD, ohne Stefan Raab vernünftige Titel auszuwählen.

Auch wenn die These der ARD, dass allen voran Angela Merkel schuld am schlechten Abschneiden von Cascada sei, recht dünn ist, so zeigt sich aber auch, dass gleichwohl nicht nur die Qualität von Musik und Auftritt entscheidend sind für das Abschneiden beim ESC. Eine ganze Reihe von Wissenschaftlern hat die Punktvergabe beim ESC inzwischen analysiert:

  • Schon 2005 hat Victor Ginsburgh (hier sein  Bing Bang Blog, auf Französisch) im Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 1-17) einen Aufsatz über „Languages, Genes, and Cultures“ publiziert und gezeigt, dass die Punktevergabe beim ESC von kultureller und linguistischer Nähe abhängt (und nicht so gut durch einen „Stimmentausch“ erklärt werden kann).
  • In derselben Ausgabe des Journal of Cultural Economics (Vol. 29, 2005, S. 59-78) haben Marco Haan, Gerhard Dijkstra und Peter Dijkstra einen Aufsatz („Expert Judgment Versus Public Opinion – Evidence from the Eurovision Song Contest“), in dem sie zeigen, dass Expertenjurys in ihrem Urteil weniger durch diese anderen Faktoren beeinflusst werden als das Televoting durch die Zuschauer. Gleichwohl sind Jurys auch nicht völlig unbeeinflusst durch diese Faktoren.
  • Nicht  nur Ökonomen, auch Physiker befassen sich mit diesen enorm wichtigen Dingen: So hat ein in Oxford ansässiges Physikerteam aus Neil Johnson und Ko-Autoren 2006 in Physica A (Vol. 360, 2006, S. 576-598) eine Studie mit dem Titel „How does Europe Make Its Mind Up? Connections, Cliques, and Compatibility between Countries in the Eurovision Song Contest“  publiziert. Eines der Kernergebnisse ist „that the UK is remarkably compatible, or ‚in tune‘, with other European countries during the period of study [Anmerkung: 1992-2003]. Equally surprising is our finding that some other core countries, most notably France, are significantly ‚out of tune‘ with the rest of Europe during the same period.“
  • Ein zweites Forscherteam aus Oxford um S. Saavedra hat im Folgejahr gleich nachgelegt und wiederum in Physica A (Vol. 377, 2007, S. 672-688) eine weitere Studie dazu publiziert. Inhalt ist eine Analyse über (a) „structure and behaviour of a specific voting network using a dynamic structure-based methodology which draws on Q-Analysis and social network theory“, (b) „structures that may identify the winner based purely on the topology of the network“ und (c) „the dynamic behaviour exhibited by the network in order to understand the clustering of voting preferences and the relationship between local and global properties.“
  • Victor Ginsburgh hat sich (gemeinsam mit Abdul Noury) 2008 im European Journal of Political Economy (Vol. 24, 2008, S. 41-52) sich fast genau der ARD-Hypothese von Thomas Schreiber angenommen und untersucht, ob politische oder kulturelle Faktoren das Wahlverhalten beim ESC besser erklären können. Das Ergebnis der Studie mit dem Namen „The Eurovision Song Contest. Is Voting Political or Cultural?“ ist, dass die Stimmvergabe rein empirisch betrachtet besser durch Qualität des Titels, linguistische und kulturelle Nähe erklärt und prognostiziert werden kann als durch politische Konflikte und Freundschaften. Eine vorläufige (leider nicht die endgültig publizierte) Open Access-Version des Aufsatzes ist bei SSRN hier.
  • Zu etwas anderen Ergebnissen kommen allerdings L. Spierdijk und M. Vellekoop in ihrer 2009 in Empirical Economics publizierten Studie „The Structure of Bias in Peer Voting Systems: Lessons from the Eurovision Song Contest“, in der sie untersuchen, ob die Stimmenverteilung regional in verschiedene Länderclustern ähnlichen Mustern folgt. Ergebnis: „We establish strong evidence for voting bias in the song contest on the basis of geography, even after correction for culture, language, religion and ethnicity. However, these effects do generally not correspond to the usual accusations.“
  • Jetzt sind auch die Geographen interessiert: J.-F. Gleyze vom französischen „Institut Géographique National, Laboratoire COGIT“ hat dazu kürzlich in CyberGeo (Vol. 2011, 10. Januar 2011, S. 1-30)  eine Studie mit dem Titel „L’impact du voisinage géographique des pays dans l’attribution des votes au Concours Eurovision de la Chanson“ publiziert, die auch diverse Ländercluster bildet.
  • Interessant ist auch die von D.B. Verrier im letzten Jahr in Judgment and Decision Making (Vol. 7, 2012, S. 639-643) publizierte Studie über „Evidence for the Influence of the Mere-Exposure Effect on Voting in the Eurovision Song Contest“, die zeigt, dass selbst geringfügige Wiedererkennungseffekte eine Rolle spielen. Je mehr Zuschauer in einem Land ein Lied bereits im ESC-Halbfinale gesehen haben, desto besser schneidet es im Durchschnitt ab, selbst wenn man für alle anderen Einflussfaktoren kontrolliert.
  • Jetzt aber kommts: Eine brandneue und bisher noch nicht publizierte Studie von David García und Dorian Tanase (beide von der ETH Zürich) mit dem Titel „Measuring Cultural Dynamics Through the Eurovision Song Contest“ suggeriert, dass die Eurokrise das Abstimmverhalten doch verändert haben könnte und zu einer Spaltung Europas beitragen kann. In Nature wird das unter Anderem so zusammengefasst: „García and Tanase found that, among the 15 countries that have been members of the European Union since 1995, both the positive and negative biases were larger in 2010 and 2011 than before: In other words, opinions became more polarized. This period, the researchers point out, corresponds to a time of European economic turbulence due to debt, loans and austerity measures, especially in Greece, Spain, Portugal, Ireland and Italy. What’s more, those unfortunate countries seemed to cluster together in the network as if huddling for consolation — with the exception of Ireland, which joined a second cluster of less-affected countries. The researchers suggest that Eurovision voting might be reflecting feelings of tension and a breakdown of cohesion in the European Union.“

So ganz falsch ist die ARD bzw. Thomas Scheiber also vielleicht doch nicht mit ihrer Hypothese. Allerdings dürften die Effekte nur marginal sein und sie beziehen sich nur auf die EU-15-Staaten, die García und Tanase analysiert haben, nicht aber auf die Nicht-EU-Länder. Vielleicht sind also Cascada in der Tat ein paar Pünktchen verloren gegangen, aber selbst bei doppelter Punktzahl hätte es nur für Platz 19 gereicht. Die naheliegendste Erklärung ist manchmal auch die richtige: Der Titel war einfach zu langweilig, zu wenig witzig, zu wenig innovativ und zu harmlos.

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3 Antworten to “Wissenschaftlich bewiesen: Angela Merkel ist nicht schuld an Cascadas Misserfolg”

  1. Detlef Guertler Mai 20, 2013 um 2:07 pm #

    Hm.
    Könnte es sein, dass angesichts der Erkenntnisse der Garcia-Tanase-Studie die Überschrift dieses Beitrags schlicht – falsch ist?

    • haucap Mai 20, 2013 um 2:44 pm #

      OK, der Titel ist „journalistisch“, aber doch nicht ganz falsch. Interessant ist doch, dass das Polarisierungsmaß von Garcia & Tanase in den Jahren 2010 und 2011 besonders ausschlägt – also als Lena Meyer-Landrut für Deutschland zunächst 1. und dann 10. wurde. Demnach müsste also Angela Merkel damals den ESC für uns gewonnen haben (sie stand ja sinngemäß dann damals auch auf der Bühne). In 2012 ist die Polarisierung bei der Stimmabgabe wieder abgeebbt.

      Und Grafik 11 auf S. 21 in der Garcia & Tanase Studie (http://arxiv.org/pdf/1301.2995v2.pdf) liefert ggf. noch einen interessanten Hinweis: Deutschland ist rechts in einem gemeinsamen Friend-and-Foe Network mit der Türkei und vielen Balkan-Staaten, die allesamt diesmal nicht im Finale waren und vermutlich wenige Teilnehmer beim Televoting hatten, so dass von dort (Ausnahme Albanien) wenig Punkte kamen (das ist jetzt etwas spekulativ).

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  1. 5 vor 10: Globalisierung, Geldpolitik, Ungleichheit, Altruismus, Songcontest | INSM Blog - Mai 21, 2013

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