Noch ein Wort zum Spieltag: Droht der Bundesliga eine Dominanz der Bayern?

12 Mai

Das war eine der Fragen, die wir am Mittwochabend auf der Podiumsdiskussion in Helmstedt mit Klaus Allofs diskutiert haben. Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Klaus Allofs war der Meinung, dass dem nicht so sei, da auch die Bayern Fehler machen würden. Ich war mir aus anderen Gründen weniger sicher, wie diese Fragen zu beantworten ist.

Natürlich sind die Bayern das finanzielle Schwergewicht der Liga – mit einem Umsatz von über 370 Mio. Euro und einem Spieleretat von 115 bis 125 Mio. Euro (gute allgemeine Übersicht dazu hier) liegen sie deutlich vor der Konkurrenz (im Detail hier). Dies wird sich in Zukunft auch kaum ändern. (Bei uns auf dem Land pflegte man wenig vornehm zu sagen: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“, und das gilt auch hier, die Mittelverteilung durch die Champions League befördert das ganz besonders). Die Frage ist jedoch, ob das eine „Bedrohung“ ist.

In der sportökonomischen Literatur wird heftig darum gerungen, (a) wie wichtig die sportliche Ausgeglichenheit („competitive balance“) einer Liga dafür ist, dass der Wettbewerb auch für Zuschauer attraktiv ist, und (b) wie man „sportliche Ausgeglichenheit“ denn überhaupt messen soll. Ein Bauchgefühl sagt vielen sicherlich, dass die Ausgeglichenheit irgendwie wichtig ist. Und oftmals kommt dann noch der empirisch ziemlich wenig fundierte Satz hinterher, dass gerade die Bundesliga die ausgeglichenste Fußballliga in Europa sei. Das kann man ja erst einmal so behaupten, aber stimmt das auch? Woran soll ich das genau festmachen?

In den letzten 15 Jahren ist Bayern München neun Mal Deutscher Meister geworden, also in 60% aller Fälle, drei Mal immerhin Dortmund, und dann waren da noch Wolfsburg, Stuttgart und Bremen, alle je einmal. Wettbewerbsökonomisch ergibt das einen Konzentrationsgrad, gemessen durch den Herfindahl-Hirschman-Index (HHI), von 4133. (Nebenbei bemerkt war Albert Hirschman, einer der Namensgeber des HHI, ein toller Ökonom – hier der Nachruf im Economist -, nach dem eigentlich in Berlin eine Straße benannt werden sollte, was aber wohl nicht gehen wird, weil er ja keine Frau war  – OK, jetzt zurück zum Thema). In den letzten 20 Jahren waren die Bayern „nur“ elf Mal Meister, also „nur“ in 55 Prozent der Fälle, Dortmund dann fünf Mal (also 25 Prozent) und dann noch einmal Kaiserslautern zusätzlich. Der HHI sinkt dann immerhin auf 3750.

Im internationalen Quervergleich ist nur ManU ähnlich dominant wie die Bayern in Deutschland, mit ebenfalls 9 von 15 Titelgewinnen in den letzten 15 Jahren. Der 15-Jahres-HHI ist in England mit 4222 sogar noch leicht höher als in der Bundesliga. In Spanien beträgt der 5-Jahres-HHI 3511, in Italien 2800 und in Frankreich 2622. Der Meisterschafts-Konzentrationsgrad ist also in den letzten 15 Jahren in der Bundesliga und der Premier League am höchsten. Eventuell ist dieser Meisterschafts-HHI kein gutes Maß für sportliche Ausgeglichenheit – die Frage ist dann aber, welches Maß denn besser ist und wieso. Ein einfaches Bauchgefühl nach dem Motto „Das kommt mir so vor“ oder „Das weiß man halt“ ist da irgendwie etwas dünn. Interessant wäre eventuell ein systematischer Vergleich von Wettquoten als Maß für Wahrscheinlichkeiten zu gewinnen oder zu verlieren, könnte doch mal jemand machen….

Die Frage ist zudem, wie wichtig die Ausgeglichenheit denn wirklich für die Zuschauer ist. Ist die Dominanz von Bayern München so bedrohlich, dass die Zuschauer das Interesse verlieren? Auch die Auswärtsspiele von Bayern München sind ja fast immer ausverkauft, obwohl die Wahrscheinlichkeit eines Sieges der Heimmannschaft deutlich geringer ist als im Heimspiel gegen einen x-beliebigen Tabellenneunten. Dabei ist das Spiel gegen den Tabellenneunten ja im Durchschnitt logischerweise viel ausgeglichener als eines gegen Bayern München. Oftmals wird die angeblich besondere Ausgeglichenheit der Bundesliga einfach behauptet und dann die hohen Zuschauerzahlen der Bundesliga als Beleg herangezogen, um zu demonstrieren, wie wichtig Ausgeglichenheit für das Zuschauerinteresse sei. So hatte z. B. auch das Handelsblatt am 3./4./5.5. im Sonderteil seiner Wochenendausgabe auf die guten Zuschauerzahlen in der Bundesliga verwiesen. Während in Deutschland im Schnitt 42100 Zuschauer jedes Bundesliga-Spiel besuchen (Angaben aus der Ausgabe des Handelsblatts), sind es in Spanien nur 25900, in England 35400, in Italien 23500 und in Frankreich 19700.

Ein Vergleich von durchschnittlichen Zuschauerzahlen sagt aber relativ wenig aus. Erstens finden in Deutschland in einer Saison nur 34 x 9 = 306 Ligaspiele statt, während es in Spanien und England 38 x 10 = 380 Spiele sind. Somit sehen in Deutschland 12,9 Mio. Zuschauer Erstligaspiele, in England dagegen sogar 13,4 Mio. und in Spanien 9,8 Mio. Leute. Somit haben die Ligen mit der höchsten Konzentration, gemessen durch den Meistschafts-HHI, absolut die meisten Zuschauer. Bezogen auf das Zuschauerpotenzial von 46 Mio. Einwohnern in Spanien und 55 Mio. Einwohner in England steht die Premier League mit einem Faktor on 1:4 sogar deutlich vor der Bundesliga mit 1:6,2, während die spanische Liga mit 1:5 dazwischen rangiert. Das Zuschauerpotenzial in der Bundesliga ist also noch keinesfalls ausgeschöpft und könnte durch die Aufnahme von zwei weiteren Vereinen (wie in den übrigen großen europäischen Ligen) erweitert werden.

Vor allem aber kann das Argument, dass eine Zentralvermarktung der TV-Rechte (dazu ggf. demnächst einmal mehr) notwendig sei, um die Ausgeglichenheit der Liga und damit das Zuschauerinteresse zu gewährleisten, nicht ohne Weiteres aufrecht erhalten werden. Gemessen am Zuschauerpotenzial ist das Zuschauerinteresse in England und Spanien sogar höher, trotz teilweise deutlich höherer Eintrittspreise. Zur Verteidigung der Zentralvermarktung sollten daher stichhaltigere Belege vorgelegt werden als das Gefühl, dass die Bundesliga irgendwie ausgeglichener sei als andere Ligen und das wiederum kausal für ein hohes Zuschauerinteresse sei.

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