Abseits ist, wenn der Schiri pfeift. Und Compliance das, was dem Aufsichtsrat gerade gefällt.

8 Mai

Heute abend darf ich mit Klaus Allofs und meinem Kollegen Joachim Weimann in Helmstedt (an der ehemaligen Universität) darüber diskutieren, wohin die Reise im deutschen Profifußball gehen wird: Fußball als Millionengeschäft für Millionen. Ich freue mich schon sehr auf die Diskussionsrunde. Es wird sicher um Financial Fair Play im Fußball, die Zentralvermarktung der TV-Rechte und die Kommerzialisierung des Fußballs im Allgemeinen gehen.

Als wir die Podiumsdiskussion Anfang Januar geplant haben, war der Wirbel um Uli Hoeneß nicht abzusehen, und vermutlich werden wir das heute auch nicht diskutieren, da es ja nur am Rande mit der prinzipiellen Kommerzialisierung des Fußballs zu tun hat. Daher kann ich das ja nun hier tun. Der Aufsichtsrat der Bayern München AG hat am Montagabend einstimmig entschieden, das Angebot von Uli Hoeneß, das Amt des Aufsichtsratvorsitzenden ruhen zu lassen, nicht anzunehmen. Das ist aus vielerlei Gründen eine bemerkenswerte Entscheidung. Meine Münchener Kollege Manuel Theisen hat bereits mit deutlichen Worten kritisiert, dass sämtliche Statements über Compliance, Good Corporate Governance, etc. der mitwirkenden Aufsichtsratsmitglieder (Zusammensetzung hier) wohl eher als Geschwätz und Gefasel oder  – netter ausgedrückt – Sonntagsreden abzutun sind.

Nun mag man die Steuerhinterziehung als private Angelegenheit abtun, die mit dem Verein ja eigentlich nichts zu tun hat, auch wenn die Deutsche Post AG das damals bei Klaus Zumwinkel wohl etwas anders gesehen hat. Bemerkenswert finde ich jedoch vielmehr die Tatsache, dass (a) Uli Hoeneß im Jahr 2000 vom damaligen Chef von Adidas, Robert Louis-Dreyfus,  5 Millionen DM direkt und 15 Millionen DM durch eine Bürgschaft bekommen hat und (b) sich Adidas kurz später mit zehn Prozent an der FC Bayern München AG beteiligt hat (und dafür 75 Millionen Euro in Aktien bezahlt hat) und der FC Bayern zudem den Ausrüstervertrag mit Adidas bis 2010 verlängert hat, obwohl dafür nach eigenen Angaben von Ulii Hoeneß wohl höhere Angebote von „zig interessierten Unternehmen“ ausgeschlagen wurden (siehe dazu z. B. die Süddeutsche Zeitung).

Mir wäre als Miteigentümer oder auch Mitglied eines Vereins sehr mulmig zumute, wenn ein leitender Angestellter z. B. von einem Zulieferer oder eben Sponsor (jetzt rein hypothetisch) 20 Mio. DM privat bekommen würde und der Verein dann kurz später günstigere Angebote anderer Zulieferer oder Sponsoren ausschlagen würde. Ich würde mich dann fragen, ob die 20 Mio. DM auch hätten beim Verein landen können und nicht auf dem Privatkonto des leitenden Angestellten. Aber natürlich gibt es für einen solchen Zusammenhang keinerlei Hinweis, wie die SZ auch berichtet. Aus der Soziologie ist allerdings spätestens seit dem immer wieder lesenswerten Essay von Marcel Mauss über die Gabe bekannt, dass Geschenke nicht einfach Geschenke sind, wie man naiverweise glauben mag, sondern ein Geschenk immer ein Gegengeschenk verlangt (das kennen wir ja auch schon seit unseren Kindergeburtstagen). Wer ein Geschenk annimmt, fühlt sich dem Schenkenden gegenüber zumindest so lange verpflichtet, bis er die „Schuld“ durch ein Gegengeschenk abgetragen hat. Das ist dann zwar kein Vertrag im juristischen Sinne, aber die ökonomische Effekte dieser Freundschaftsdienste sind ganz ähnlich. Ich hätte kein gutes Gefühl, als Außenstehender von zu vielen Amigos umgeben zu sein, zumindest wenn ich eben ein Außenstehender wäre und kein Mitglied des sozialen Netzes (anderenorts hat man von Seilschaften gesprochen statt von Netzen…) Aber im Aufsichtsrat des FC Bayern München kann ja auch jeder ganz andere Gefühle haben, das steht natürlich jedem frei. Bei „meinem“ Verein würde mir das jedenfalls ziemlich sauer aufstoßen….

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6 Antworten to “Abseits ist, wenn der Schiri pfeift. Und Compliance das, was dem Aufsichtsrat gerade gefällt.”

  1. Thomas Lang Mai 8, 2013 um 6:52 am #

    Ihre Anmerkungen sind wie üblich: klar, schnörkellos und auf den Punkt. Besser hätte man es wohl nicht sagen können.

    Interessant finde ich, dass gerade die öffentliche Meinung (Medien, Befragungen etc.) vermutlich bei keinem DAX-Unternehmen, geschweige denn bei Politikern, ein ähnliches Verhalten geduldet hätte (siehe den von Ihnen zitierten Fall Zumwinkel oder die CSU-Verwandschaftsaffäre).
    Ein bisschen wie zu Zeiten der Gladiatoren: Wenn das Volk unterhalten wird, ist alles andere erlaubt.

  2. Frage Mai 9, 2013 um 12:59 pm #

    Frage: Gibt es vom Gespräch einen Podcast? Danke

    • haucap Mai 9, 2013 um 1:51 pm #

      Ich glaube nicht – wenn doch, sollte es vermutlich auf den Seiten der Magdeburg Business School zu finden sein….

  3. Alex Mai 10, 2013 um 4:10 pm #

    Starker Artikel, der kein Blatt vor dem Mund nimmt. Auch insgesamt haben Sie hier einen schönen Ökonomie-Blog… werde ich mal im Auge behalten! Viele Grüße, Alex

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